Eine neue Sprache zu lernen eröffnet Möglichkeiten, ist aber meist mit hohem Aufwand verbunden. Das Ziel ist es deshalb meist, den Prozess des Spracherwerbs möglichst kurzzuhalten. Doch wie lange dauert es wirklich, sich eine neue Sprache anzueignen?

Zunächst hängt der Aufwand des Spracherwerbs davon ab, wie kompliziert die neue Sprache in ihrer Grammatik und ihrem Vokabular ist. So ist Niederländisch für deutsche Muttersprachler einfacher zu lernen, als Japanisch. Sprachverwandtschaft hilft durch gegebene Gemeinsamkeiten und Unterschiede, sich neue Sprache anzueignen. Während manche Sprachen in den Grundzügen leicht zu lernen sind und erst später komplizierter werden, kann bei anderen Sprachen der Erwerb der Grundkenntnisse schon eine große Herausforderung darstellen. Sprachsysteme, die anderes Schriftsystem haben, stellen wohl die größte Herausforderung für uns dar.

Wann spricht man eine Sprache fließend?

Eine Sprache fließend zu sprechen ist ein vager Begriff, da die meisten Menschen verschiedene Maßstäbe dafür haben. Wenn man die 300 meist gesprochenen Wörter einer Sprache spricht, befähigt es einen, ca. 50 % aller Gespräche zu verstehen. Das klingt erst einmal viel, doch bedeutet natürlich nicht, dass man die Sprache fließend spricht.

Deshalb hat der Europarat 2001 einen gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprache erstellt, der nicht nur umfangreiche Empfehlungen für Sprachlernende zum Thema Spracherwerb, Sprachkompetenz und Sprachanwendung gibt, sondern auch Sprachfähigkeiten in drei Kompetenzbereiche einteilt. Diese Bereiche wiederum sind in jeweils zwei Unterbereiche aufgeteilt und berücksichtigen alle vier Teilqualifikationen des Spracherwerbs: Lese- und Hörverständnis, Schreiben, und Sprechen.

Wie schnell kann ich eine neue Sprache lernen Post

Dieser gemeinsame Rahmen, der mittlerweile in Europa sehr verbreitet ist, stellt eine gemeinsame Basis für Lehrpläne und Qualifikationsnachweise dar.

Wenig Motivation - wenig Erfolg

Das zum Erlernen einer neuen Sprache eine Menge Motivation gehört, mag wenig überraschend klingen. Laut Britta Hufeisen, Leiterin des Instituts für Sprach- und Literaturwissenschaften an der Technischen Universität Dortmund, ist Motivation der einzige Weg zum Erfolg bei der Sprachaneignung. Hufeisen geht sogar soweit, dass sie die Existenz von etwaigen Sprachbegabungen verneint und stattdessen von einer Sprachlernneigung spricht, die das Lernen allein über die Motivation beeinflussen würde. Menschen sind aus Überlebensgründen an Kommunikation interessiert und genau deshalb sei das menschliche Gehirn auf Mehrsprachigkeit ausgelegt, so Hufeisen, die ebenfalls im European Centre for Modern Language vertreten ist. Gerade für Kinder würde der Spracherwerb deshalb kein Problem darstellen. Sie kritisiert, dass in der Schule oft wenig Motivation entstehen würde, dadurch, dass der Spracherwerb oft allein aus Grammatikunterricht bestehen würde. Die erhaltenen Informationen werden so von vielen Kindern als wenig hilfreich eingeschätzt, und dementsprechend nicht vom Kurzzeit- in das Langzeitgedächtnis übertragen.

Außerdem unterscheidet sich diese Art des Spracherwerbs drastisch von der natürlichen und entspricht nicht uns Menschen, da unser eigener Spracherwerb ziemlich individuell geschieht. Damit wir eine Sprache erfolgreich lernen, müssen wir uns selbst motivieren und den Lernprozess selbst aktiv steuern. Klaus-Börge Boeckmann, Sprachforscher von der Universität Wien, bezeichnet den größten Störfaktor hierfür als Routine und Gewöhnung. Das stumpfe lernen von Vokabeln und Grammatik hat so für viele keinen nachhaltigen Effekt. So müssten die Lerninhalte an die Lebensrealität des Einzelnen angepasst werden, damit die gelernten Informationen als wichtig erkannt, und so im Gehirn nachhaltig verankert werden. Das geschieht am Besten dadurch, dass neues Wissen an bekanntes angeknüpft wird. Das Gelernte werde so langfristig gespeichert, laut Boeckmann.


Unser Gehirn braucht Zeit - Phasen des Spracherwerbs

Sprachen lernen wir zuallererst durch Dekodieren. Das bedeutet, dass wir eine uns unbekannte Sprache entschlüsseln und dadurch verständlich machen. Der zweite Schritt benötigt deutlich mehr Zeit. In diesem müssen neue Nervenbahnen angelegt werden, die zum Sprechen der neuen Sprache benötigt werden. Die neuronale Geschwindigkeit, also die Zeit in der diese aufgebaut werden, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Jedes Sprachsystem hat verschiedene Klänge, Rhythmen und Melodien. Das Gehirn muss sich diese aneignen und effektiv speichern, damit diese später korrekt genutzt werden können.

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Das Gehirn braucht also vor allem Zeit, um Gelerntes zu verarbeiten und langfristig zu speichern. Das hat auch seine Vorteile. Wenn wir Sprachen lernen, arbeitet das Gehirn weiter, auch wenn wir schon längst etwas anderem nachgehen. Erst wenn Information erfasst und verarbeitet sind, entstehen neue Nervenbahnen, und damit das neue Wissen zur Nutzung bereit. Wenn das Wissen erst einmal effektiv gespeichert ist, kommt es selten zum vollständigen Vergessen des Gelernten. Wir alle kennen das Phänomen, dass wir glauben unsere zweite oder dritte Fremdsprache, vermutlich in der Schule angeeignet, vergessen zu haben. Frischen wir jedoch erst einmal ein paar Vokabeln auf, fällt uns das Sprechen erstaunlich leicht. “Vergessen ist streng genommen meist kein Vergessen, denn oft kann verschüttetes Wissen wieder zugänglich gemacht werden”, so Britta Hufeisen.

Die eigenen Sinne ansprechen in kurzen Intervallen

Hufeisen kritisiert weiterhin, dass in der Schule zu viel Augenmerk auf die Sprachstruktur selbst, also sie in ihrer Grammatik komplett zu verstehen, gelegt wird, anstatt sich der Sprache durch praktische Anwendung zu nähern. Um eine Sprache möglichst effektiv zu lernen, lohnt es sich seine Sinne zur Hilfe zu nehmen. Diese helfen dem Gehirn, Wissen an möglichst vielen Orten zu speichern. Deshalb lassen sich Sprachen gut in kleinen Intervallen lernen. Schon zehn Minuten täglich reichen aus, um sich Grundkenntnisse in einer neuen Sprachen anzueignen.

Umfeld - Die angestrebte Immersion

Viele Übungen und das Erkennen von Relevanz bleiben der Schlüssel zum Erfolg beim Spracherwerb. Wer eine Sprache aber besonders schnell lernen möchte, sollte in die Kultur des Landes eintauchen. Das liefert nicht nur die beste Motivation, sondern man lernt die neue Sprache effektiv in Alltagssituationen zu nutzen. Welche bessere Methode gibt es, als die Sprache durch die aktive Verwendung von dem Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis zu befördern?

Soziale Interaktionen animieren weiterhin Informationen im Gehirn zu verankern, da wir diese für wichtig befinden. Wenn wir Sprache als Mittel zum Zweck erkennen, erzielen wir den größten Erfolg. Diese Methode des Spracherwerbs, auch bekannt als “learning by doing”, wird in der Fachsprache als Immersion bezeichnet. Der Spracherwerb wird durch ein fremdsprachiges Umfeld erzielt und die Sprache somit beiläufig erlernt. Immersion gilt nicht nur als die weltweit erfolgreichste Sprachlernmethode, sondern fördert auch alle vier Kompetenzbereiche des Spracherwerbs gleichzeitig, die sonst mühevoll einzeln trainiert werden müssen. Auslandsaufenthalte ermöglichen außerdem den Kontakt zu vielen Menschen, was einen Austausch fördert. Die Immersion beginnt und das Gefühl des langwierigen Spracherwerbs verschwindet. Die Übertragung der neuen Informationen geschieht nebenbei, da wir das neue Wissen für elementar befinden. Außerdem bietet der Auslandsaufenthalt die Möglichkeit die neue Sprache mit einzigartigen Erinnerungen zu verbinden. Spracherwerb ohne Aufwand und verbunden mit Erinnerungen, ein verlockendes Angebot.

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Der Spracherwerb bleibt individuell

Wann wir eine Sprache fließend sprechen entscheiden immer wir selbst, mit unseren eigenen Maßstäben. Man muss die Technik und vor allem die Motivation finden, die einem entspricht. Wie schnell wir ein neues Sprachsystem lernen hängt also maßgeblich von drei Dingen ab: Der verfügbaren Zeit, den Bewusstsein für Sprache und die eigene Motivation. Pauschalisieren lässt sich das nicht.

Die einfachste und nachhaltigste Methode eine neue Sprache zu lernen bleibt die Immersion. Es ist der unbemerkte Spracherwerb, der uns in unserem Alltag mit einer Sprache konfrontiert, und so das neue Sprachsystem schnell, unbemerkt und effektiv speichert. Außerdem verbinden wir die Sprache so mit einer Menge neuer, und positiver Erfahrungen. Wer dafür keine Zeit hat, dem reichen schon zehn Minuten täglich, zum Beispiel in Form von Intervalltraining. Die Zeit, in der das Gehirn die neuen Informationen ‘nachbereitet’, kann so effektiv genutzt werden und die Lernzeit dadurch fast verdoppelt. Denn das Gehirn arbeitet im Schnitt rund 7 Minuten weiter. Und wer wusste, dass sich Grundschätze einiger Sprachen bereits in 2 Wochen erlernen lassen, wenn man ca. zehn kürzere Einheiten am Tag einlegt. Und zur weiteren Motivation: Nach dieser Berechnung lässt sich das A2 nach 25 Wochen und das B2 Level, welches eine selbstständige Sprachbeherrschung attestiert, bereits nach knapp einem Jahr erreichen - frohes Sprachenlernen!