Wer sich an das Frühjahr 2020 erinnert wird an Lockdown, Maskenzwang, Herdenimmunität und Abstand denken - und damit vor allem an Neologismen, die der Coronakrise entsprangen. Die Entstehung neuer Wörter ist ein natürliches Phänomen, welches zu Zeiten der Pandemie jedoch eine ungewohnte Akzeleration erfährt.

Konstant wachsende Sprachschätze

Sprache dient dem Ausdruck von Kultur und Gesellschaft und ist genau wie sie empfänglich für Wandel. Immer dort wo eine sprachliche Lücke entsteht, dauert es oft nicht lang bis diese mit einem neuen Wort gefüllt wird - einem Neologismus. Auch wenn diese Wortneuschöpfungen zu Beginn häufig als ungewohnt empfunden werden, genießen sie oftmals eine schnelle Integration bei Sprechern und verlieren damit gleichzeitig ihren Status als Neologismus. Der Übergang von ihnen in den Allgemeinwortschatz ist normalerweise ein jahrelanger Prozess, hat sich in Zeiten der Corona-Pandemie jedoch dramatisch verschnellert. Ein Großteil der deutschen Gesellschaft dürfte von einschlägigem Corona-Vokabular wie Mundnasenschutz, Spuckschutzscheibe oder dem umstrittenen Immunitätsausweis nicht mehr überrascht sein.

Corona-Listen für den Überblick

Das Leibniz-Institut für deutsche Sprache (IDS) mit Sitz in Mannheim beobachtet und dokumentiert die Entwicklung der deutschen Sprache und damit auch die der Neologismen. Leiter des Instituts, Henning Lobin, beobachtet einige besondere Entwicklungen hinsichtlich des Corona-Vokabulars. So folgten die Wortneubildungen oft bestehenden Mustern und würden an die aktuelle Situation angepasst werden, wie “Coronoia” (Paranoia) und “Coronials” (Millennials) deutlich belegen. Außerdem stellt Lobin einen starken und langanhaltenden Einfluss auf Wirtschaft, Medien und Politik fest. Während normalerweise die 100 meist genutzten Wörter von Tag zu Tag stark variieren, seien in den letzten Wochen “Coronakrise” und “Coronavirus” beharrlich an der Spitze geblieben. Die Pandemie sorgt für so viele Wortneuschöpfungen, dass das IDS ein Neologismenwörterbuch rund um die Coronapandemie ins Leben gerufen hat. Vom Coronakilo, zur Balkonmusik bis hin zur Hustenettikette bietet das Institut Informationen zu jedem Neologismus der Pandemie. Nach “home office” wird man in der Liste vergeblich suchen. Institutsleiter Lobin betont, dass diese Wörter streng genommen eine eigene Gruppe bilden würden. Denn diese vermeintlichen Anglizismen existieren in der Form nicht im Englischen, würden jedoch im Prinzip die gleichen Nutzen erfüllen.

False Friends

Was im Deutschen funktioniert, tut es nicht unbedingt im Englischen - und das gilt auch andersherum. Denn die deutsche Sprache ist teils sehr ungenau. Ein Beispiel ist der Ausdruck “social distancing”, welcher im Deutschen missverständlich ist. Soziale Distanz vermittelt den Eindruck von Isolation, während der englische Begriff nichts weiter bedeutet, als körperlichen Kontakt zu meiden. Denn Kommunikation, das dürften die Meisten seit März selbst erlebt haben, funktioniert heute digital sehr gut. In der Linguistik wird dieses Phänomen als “false friend”, also als falscher Freund bezeichnet. Sie werden vor allem dadurch hervorgerufen, dass Wörter in verschiedenen Sprachen ähnlich klingen.

Die Übernahme von “social distancing” in unseren Sprachgebrauch kann also zu falschen Signalen und Panik führen und damit unterbewusst drastische Auswirkungen haben. Neben ungewollter Dramatisierung kann es außerdem zu gefährlichen Missverständnissen kommen. Während im Englischen einfach von “Mask” gesprochen wird, ist der Ausdruck “Maske” im Deutschen sehr ungenau und kann damit im schlimmsten Fall zu Unsicherheiten hinsichtlich des korrekten Gebrauchs führen. Durch diese Komplikationen entstehen im Deutschen abenteuerlich aussehende Begriffe wie Mundnasenschutz.

Während also manch einer denken mag, dass es in Zeiten einer globalen Pandemie Wichtigeres gibt, als einen Blick auf die sich stetig ändernden Sprachgewohnheiten zu werfen, darf nicht vergessen, dass Sprache unser Denken und Verhalten maßgeblich beeinflusst. Die Kraft die von ihr ausgeht sollte nicht unterschätzt werden, denn Worte können einschließen, aber auch ausschließen. Sprache sollte deshalb gerade während einer Pandemie bewusst genutzt werden. Denn wie Menschen und die Gesellschaft durch und aus der Krise kommen, hängt substanziell von ihr ab.