Selten scheidet eine Debatte die Geister so stark wie die Diskussion um gendergerechte Sprache. Den Befürwortern wird moralisches Predigen vorgeworfen, den Gegnern Ignoranz. Gibt es in dieser Diskussion ein Richtig oder Falsch?

Deutsch ist eine Sprache, die vom generischen Maskulinum geprägt ist. Das bedeutet, dass wenn über Personengruppen gesprochen, ausschließlich die männliche Version verwendet wird, obwohl teils eine weibliche existiert. Auf Grundlage dessen entstand die Forderung, Sprache anzupassen. Das kann durch die neutrale Doppelform (Leser und Leserinnen) oder eben auch durch das stark diskutierte Gendersternchen (Leser*innen) geschehen. Ziel ist es, dadurch alle Geschlechter einzuschließen.

Obwohl bisher nur wenige Menschen die angepasste Schreibweise nutzen, scheint das Thema Sprachanpassung Emotionen auszulösen, die zu hitzigen Diskussionen führen. In Kommentarspalten wird ein regelrechter Genderkrieg geführt, in dem es nur zwei Seiten zu geben scheint. Der Verein “Deutsche Sprache” aus Dortmund ruft sogar zum “Widerstand” gegen den “Gender-Unfug” auf. Die Stadt Hannover hingegen steht dem Gendern positiv gegenüber. Als eine der ersten deutschen Städte führte sie die konsequente gendergerechte Sprache in der gesamten Kommunikation ein. Im Internet finden sich inzwischen Leitfäden, die die Anwendung der Spracherweiterung erklären. Das lässt erahnen, dass noch vieles ungeklärt ist. Fakt ist: Wer im Moment auf deutschen Straßen unterwegs ist, wird eher vom Arzt, Apotheker, oder Beamten hören, als von Bauarbeiterinnen. Sollte sich das ändern?

Hannover setzt auf Gendergerechtigkeit

Wer zukünftig nach Hannover zieht, wird nicht als Herr oder Frau adressiert werden, genauso wenig aber als Briefträger oder Angestellter, denn die Landeshauptstadt Niedersachsens hat beschlossen, zukünftig gendergerecht zu kommunizieren. Das betrifft den gesamten städtischen Schriftverkehr. Egal ob Pressemitteilung, Flyer, E-Mail oder Formulare, jeder Text wird zukünftig angepasst, um alle Geschlechter mit einzuschließen. Oberbürgermeister Stefan Schostok betont: “Vielfalt ist unsere Stärke - diesen Grundgedanken des städtischen Leitbilds auch in unsere Verwaltungssprache zu implementieren, ist ein wichtiges Signal und ein weiterer Schritt, alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht anzusprechen." Weiterhin entspreche der Entschluss der aktuellen Gesetzgebung, nach der das dritte Geschlecht im Personenstandsregister eingeführt werden muss. Um den Geschlechtsdualismus aufzuheben, setzt die Stadt auf die neutrale Doppelform. Immer dann, wenn dies nicht möglich sei, dürfe aber auch das Gendersternchen zum Einsatz kommen.

Die Landeshauptstadt Niedersachsens setzt seit Kurzem auf gendergerechte Sprache.

Verhärtete Fronten

Kultursoziologe Thomas Wagner kann dies nicht verstehen. Für ihn ist Sprachpolitik nicht der richtige Weg, um für mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern zu sorgen. Er sieht keinen Zusammenhang zwischen Sprache und Diskriminierung. “Wenn Frauen aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt werden, finde ich das schwierig. Aber ich glaube nicht, dass diese Nachteile wegfallen, nur weil wir eine geschlechtsneutrale Sprache einführen.” Er betont, dass Sprache eindeutig sein muss und dies durch die angepasste Schreibform nicht möglich sei.

Anatol Stefanowitsch, Sprachwissenschaftler an der Freien Universität Berlin, sieht das anders. Laut ihm werden Frauen durch das generische Maskulinum gänzlich unsichtbar gemacht und Männer als Normalfall dargestellt. Michael Martens, Co-Gründer von Fairlanguage, einem Dienstleister, der Tools für gendergerechte Sprache entwickelt, sieht das ähnlich. Er zieht die direkte Verbindung zwischen Sprache und Gerechtigkeit. “Menschen auf der Welt haben aktuell nicht die gleichen Möglichkeiten und Chancen, und Sprache hat damit etwas zu tun.”

So sorgt das generische Maskulinum im Deutschen dafür, dass vor dem inneren Auge eine Gruppe Männer erscheint. “Ob sich Frauen vom generischen Maskulinum angesprochen fühlen, ist zweitrangig. Tatsache ist, dass sie nicht angesprochen werden”, so Stefanowitsch.

Unumsetzbar oder nicht gewollt?

Thomas Wagner führt weiterhin an, dass ein sprachlicher Wandel sich nicht der gesamten Gesellschaft vermitteln lässt. Er warnt vor genereller Ablehnung und der Kontraproduktivität des Genderns. Das Experimentieren mit Sprache sei nicht etwas schlechtes per se, jedoch sei die moralische Komponente fraglich. Dadurch würde ein Zwang entstehen. Wenn “dieser Zwang von Behörden übernommen, also institutionalisiert [wird], sehe ich darin ein Problem”, so Wagner.

Zwang ist ein Wort, welches man in der Debatte immer wieder liest. Stefanowitsch und Martens, als Befürworter von Sprachanpassung hingegen, lehnen Zwang ab. Es gebe nicht nur eine richtige Variante. Wichtig sei “unsere Mitmenschen [zu] ermutigen, ihre Sprache zu hinterfragen - wie es der Dudenverlag mit einer Auswahl an Möglichkeiten als Empfehlung zum 'richtigen Gendern' getan hat”, so Stefanowitsch. “Vorleben ist total wichtig. Häufig ist das Problem auch Angst. Das ist dann eine Selbstzensur, wenn man nicht wagt, das auszuprobieren. Aber es ist auch wichtig, dass Leute sich nicht zensiert fühlen, wenn sie Sprache nicht anpassen”, sagt Martens. Es ist also wichtig, Freiräume zu schaffen und jeden selbst entscheiden zu lassen. Sprache darf und kann nicht aufgezwungen werden.

Unsicherheit und Umständlichkeit als größte Faktoren

Gesellschaftliche Veränderungen stoßen immer auf Kritik, besonders, wenn sie uns alltäglich betreffen. Sprache macht eben große Teile des menschlichen Lebens aus. Die “Aufregung liegt an Sprachgewohnheiten der Leute. Sie wollen nicht ändern, was sie sich jahrelang angewöhnt haben”, so Stefanowitsch. Martens fügt hinzu, dass das Weltbild außerdem eine Rolle spielt. “Wenn man sehr analog aufgewachsen ist, dann kamen erst die Computer und man musste sich neu orientieren. Das ist eine riesige Umstellung. Wenn es dann Umstellungen bei Geschlechtern und Rollenbildern gibt, dann ist das ganz schön viel Wandel. Da kommt dann für manche die Frage auf, worauf man sich noch verlassen kann.”

Sprache löst Emotionen aus. Hinzu kommt, dass viele Menschen mit der Grundordnung Mann und Frau zufrieden sind, obwohl diese Teile der Gesellschaft diskriminiert. Ein weiterer Grund ist, dass Gendern “holpriger und umständlicher” klingt. Ohne aktiven Einsatz und Motivation wird also niemand seine Sprache anpassen. Deshalb wird Gendern oft als anstrengend und belastend empfunden.

The body electric
Die Grundordnung zwischen Mann und Frau ist weitverbreitet, schließt aber dennoch Menschen aus.

Außerdem sind Frauen oft der Meinung, dass sie in den männlichen Bezeichnungen mitgemeint sind, doch das wurde aus wissenschaftlicher Sicht schon vor etwa 30 Jahren als falsch erwiesen. Besonders oft werden Anmerkungen oder Hinweise auf gendergerechte Sprache auch als persönliche Kritik verstanden. Menschen fühlen sich nicht verantwortlich für Sprache, obwohl sie es sind, die diese produzieren und beeinflussen. Jeder entscheidet selbst, wie er sprechen möchte. Es gibt kein richtig oder falsch. Das Entstehen von Machtpositionen in diesen Diskussionen sollte, genauso wie Belehrungen, verhindert werden. “Wenn Menschen sich Gedanken machen, dann ist das der größte Faktor”, so Martens.

Kein richtig oder falsch

Ob man sich dafür entscheidet, seine Sprache zu erweitern, hängt also letztendlich von einem selbst ab. Zielführend scheint es zu sein, sich zu dem Thema einmal Gedanken zu machen, ganz egal welche Entscheidung man am Ende trifft. Sprache ist flexibel und anpassungsfähig wenn genug Raum da ist. Sie passt sich der Richtung der Gesellschaft an. Das macht einerseits Hannover deutlich, wo das “Wählerverzeichnis” nach Anregung von Einwohnern in das “Verzeichnis der Wahlberechtigten” umbenannt wurde. Aber auch die bestehenden Zweifel und die Masse an Menschen, die nicht aktiv gendern, zeigen dies. Gerade deshalb ist der stattfindende Diskurs wichtig, da er langfristig “das Thema Gleichberechtigung stärker ins Gespräch [bringt]. Das wird für viele Menschen zu einer Verbesserung führen”, so Martens. Egal, ob man sich für oder gegen das Gendern entscheidet, Sprache folgt den Verhältnissen, der gesellschaftlichen Wirklichkeit und schafft Realitäten. Sich einmal mit ihr auseinanderzusetzen und selbst zu entscheiden, bringt also nur Vorteile mit sich.