Bis jetzt galt das Wiederbeleben von ausgestorbenen Sprachen als unmöglich. Doch dem hebräischem Gegenbeweis folgt unerwartet eine weitere Sprache. Es besteht neue Hoffnung.

Die Lage ist ernst. Von den über 7.000 existierenden Sprachen der Welt sind mehr als die Hälfte vom akuten Aussterben bedroht. Linguisten prognostizieren, dass dies bereits in weniger als 100 Jahren der Fall sein könnte. Entsprechend lang ist auch die Liste der Sprachen, die diesem Schicksal schon erlegen sind. Das große Problem: Ist eine Sprache erst einmal ausgestorben, gestaltet sich die Wiederbelebung als beinahe unmöglich. Hebräisch ist weltweit bisher die einzige Sprache, bei der dies geglückt ist. Aber schon bald mag es einen weiteren Erfolg geben.

Die Wiederbelebung des Hebräischen

Das Hebräische fand Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts in Palästina den Weg zurück in den alltäglichen Sprachgebrauch, nachdem die Sprache über 1.500 Jahre nicht aktiv gesprochen wurde. Der linguistische Prozess wurde unter anderem durch die Jüdische Aufklärung und andere politische Prozessen angetrieben. Die Idee dahinter war die Sprache zur gemeinsamen Nutzung zu modernisieren. Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich Hebräisch zur Lingua Franca in Palästina entwickelt. Aus der zuvor primär sakralen und liturgisch genutzten Sprache, wurde eine literarische. Seit der Unabhängigkeitserklärung Israels im Jahre 1948 zählt das Hebräische außerdem zu den offiziellen Sprachen Israels. Heute gibt es ca. fünf Millionen Muttersprachler und mit ca. 120.000 Wörtern gehört das Hebräische zweifelsohne zu den modernen, funktionellen Sprache.

Eine weitere Auferstehung

Allmählich findet eine weitere Sprache ihren Weg zurück in den alltäglichen Sprachgebrauch. Kornisch, die Sprache aus dem Südwesten Englands, gehört nach Einschätzung der UNESCO zu den ernsthaft gefährdeten Sprachen. (Wer mehr über die Grade der Gefährdung lesen will, findet in diesem Blogpost mehr Informationen.)

Im Sprachgebrauch unterscheidet man zwischen L1, L2, und L3 Sprechern. Während L1 Muttersprachler darstellen, die mit der Sprache aufgewachsen sind, sind L2 Menschen, diejenigen, die die Sprache nicht als Primärsprache, sondern erst später im Leben erlernt haben. L3 Sprecher wiederum sind Drittsprachler, also Menschen, die sich die betreffende Sprache erst als zweite Fremdsprache angeeignet haben.

Cornwall im Südwesten Englands ist die Heimat des Kornischen.

Das Kornische war in den letzten zwei Jahrzehnten gänzlich ohne bekannte Muttersprachler, also L1 Sprecher. Jedoch bildete sich eine stark-wachsende Gruppe von L2 Sprechern. Hoffnung für die bereits totgeglaubte Sprache. Inzwischen gibt es eine Generation erwachsener L1 Sprecher und wahrscheinlich hunderte L2 Sprecher, die die Sprache fließend beherrschen. Das ist besonders vor dem Hintergrund, dass die Sprache zwei Jahrzehnte lang gänzliche ohne Muttersprachler überstand, sehr ungewöhnlich. Genau dieser Punkte unterscheidet Kornisch auch dramatisch vom Hebräischen. Hebräisch galt zwar 2.000 Jahre als mündlich ausgestorben, existierte aber schriftlich kontinuierlich weiter, beispielsweise in Form von Gebeten.

Ein keltisches Erbe

Kornisch gehört zu dem britannischen Teil der keltischen Sprachfamilie, und ist eng verwandt mit dem Walisischen und Bretonischen. Die Verteilung dieser Sprachen macht wichtige geschichtliche Abläufe deutlich. Die angelsächsische Invasion im 6. Jahrhundert brachte keltisch sprechende Bevölkerung vom Süden in den Westen Englands. Jahrzehntelang war das Keltische in großen Teilen des Reiches sehr ähnlich, bis sich im Laufe der Zeit verschiedene Sprachvarianten entwickelten. Hinsichtlich der Sprecheranzahl erreichte das Kornische seinen Höhepunkt im 13. Jahrhundert, indem weiterhin viele Literaturstücke entstanden. Doch bereits ab dem 16. Jahrhundert machten Entwicklungen deutlich, dass die Sprache zunehmend an Bedeutung verlor.

Erste Versuche bereits vor über 100 Jahren

Im 19. Jahrhundert existierten kaum noch Sprecher. Mit dem allmählichen Aussterben wuchs jedoch auch das Interesse daran, die Sprache wiederzubeleben. Eine erste Bemühung stellte ein 1904 durch Henry Jenner veröffentlichtes Handbuch zur Kornischen Sprache dar. Lange Zeit passierte nichts bis das Projekt in den 1990ern und 2000ern wieder in Angriff genommen wurde. Die Europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen sorgte für Förderungen und damit Möglichkeiten, die davor schlicht nicht existierten. Die Cornish Language Partnership (CLP) begann Textbücher, Lexika, Schulungen und andere Projekte zur Sprachwiederbelebung zu finanzieren. 2016 endeten diese Projekte jedoch abrupt, nachdem die britische Regierung sämtliche Förderungen strich. Die jahrelangen Bemühungen schienen umsonst.

Cornwall ist bekannt für seine historische Architektur. Dass das Kornische jedoch historisch ähnlich interessant ist, wissen nur wenige.

Eine Generation rettet eine Sprache

So aussichtslos die Lage auch schien, gab es weiterhin einige wenige Kornischsprecher. Eine L2 Generation startete bereits in den 1970ern ein Projekt, dass bis heute großen Erfolg verzeichnet und wahrscheinlich die einzige Überlebenschance der Sprache ist. Sie erzogen ihre Kinder als erste, neue L1 Generation. Es entstanden ganze Gemeinschaften, die ausschließlich Kornisch als Sprache nutzen. Ein Beispiel dieser neuen L1 Generation ist die Band Amser. Die Band, dessen Name aus dem Walisischen, einer weiteren gefährdeten Sprache stammt, singt ausschließlich auf Kornisch oder Walisisch. Der Sänger der Gruppe, Gwenno Saunder, beschreibt, dass sein Vater allein Kornisch mit ihm sprach.

Es scheint also, als liege das Schicksal des Kornischen, in der Hand dieser wenigen Sprecher.

Eine kornische Zukunft?

Da es kaum staatliche Bemühungen gibt, die Sprache am Leben zu halten, basieren die Bemühungen fast allein auf der Arbeit von Freiwilligen und Spenden. Deshalb hängt viel Hoffnung an der Generation der L1 Sprecher aus den 1980ern. Falls die Sprache weiterhin bestehen soll, müssen auch sie ihre Kinder als L1 Sprecher erziehen. Das endgültige Überleben wird aber nur gesichert, wenn es Sprecher jeden Alters gibt. Ein Schritt in diese Richtung ist bereits in Camborne, Cornwall geschehen. Dort wurde eine kornische Kindertagesstätte eröffnet. Damit die Sprache eine Zukunft hat, müssen sich die verbleibenden Sprecher zusammenschließen, um die neue, alte Sprache weiter zu stärken. Totgesagte leben oft länger, es bleibt abzuwarten, was die Zukunft bringt.