Neologismen, zumindest diejenigen, die sich langfristig durchsetzen, sind meist mehr als bloß ein Wort. Entstanden aus Okkasionalismen, also Wörter die literarische Lücken schließen, bilden sie auch ein Stück Gesellschaftsgeschichte ab.

Was ist ein Neologismus?

Aus dem griechischen abgeleitet bedeutet Neologismus so viel wie „neues Wort“. Vielen ist das Wort wahrscheinlich aber besser als Stilmittel bekannt. Dabei sind Neologismen ein natürliches Phänomen der Sprachevolution. Sie bezeichnen neugebildete, sprachliche Ausdrücke und werden meist aus der Kombination bereits vorhandener Elemente gebildet. Einige Neologismen entstehen aber auch durch Bedeutungsübertragung oder werden aus dem Englischen übernommen. So bezeichnet „Data Detox“, beispielsweise die ‚Entgiftung‘ des Einzelnen von der täglichen Nachrichtenflut in den sozialen Medien.

Anglizismus, Neologismus - was denn jetzt?

Während Neologismen in den allgemeinen Gebrauch übergegangene sprachliche Neuprägungen bezeichnen, sind Anglizismen Übertragungen von Wörtern direkt aus dem Englischen. Das bedeutet, dass ein Neologismus ein Anglizismus sein kann (siehe „Data Detox”), aber Anglizismen nicht immer ein Neologismus. Oftmals gelten Anglizismen anfangs jedoch als Neologismus. Aber das ist nicht alles, innerhalb der Anglizismen wird bezüglich ihrer Entstehung in Subkategorien unterschieden. Besonders häufig ist eine Wortentlehnung, dass heißt, die direkte Übernahme eines Wortes in eine andere Sprachfamilie. Lehnübersetzungen und -übertragungen sind hingegen seltener.

Das Institut für Deutsche Sprache

Das Institut für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim sammelt diese Neologismen seit 1991. Und das geschieht nicht zufällig. Das Team aus Wissenschaftlern um Henning Lobin wertet jährlich Unmengen an Text aus, um jeweils zum Jahresende eine neue Liste mit gesellschaftlich bedeutenden Neologismen zu veröffentlichen. 2019 sind das 51 Wörter. Inzwischen umfasst das Neologismen-Wörterbuch mehr als 1.900 Einträge. Der Leser findet neben Bedeutung, außerdem Informationen zum Zeitraum des Entstehens, der Nutzung und der Verwendung der neuen Wörter.

Wie gelangt „Cheatday“ von Instagram ins Wörterbuch?

Damit Neologismen ihren Weg ins Wörterbuch finden, müssen sie sich in der Sprachgemeinschaft weit verbreiten und etablieren. Institutsleiter Henning Lobin betont, dass die gesammelten Wörter „keine Eintagsfliegen“ seien. Dadurch bieten Neologismen gleichzeitig eine gute Übersicht über das gesellschaftliche und politische Leben einer Sprachgemeinschaft.

Social Media

Viele der Einträge stammen direkt aus den Social Media, so scheint es zumindest. Von „Clickbait“, also neugierig machender Überschriften, bis zu hin „Filterblase“ oder „Memes“ sind eine breite Spanne von Begriffen vertreten. So klingen manche vertrauter als andere. „Filterblase“ beschreibt hingegen eine Situation, in der Nutzer von sozialen Medien nur noch eine eingeschränkte Bandbreite von Informationen erhalten. Dies geschieht dadurch, dass das Nutzerverhalten des Users so weit ausgewertet wird, dass dieser Person nur noch Informationen angezeigt werden, die seiner Meinung entsprechen. Das Wörterbuch beschreibt diesen Prozess passenderweise als „intellektuelle Isolation“.

Ernährung und Lifestyle

In der Jugendsprache häufig vertreten, erfreuen sich Anglizismen heute größerer Beliebtheit denn je. Auch vor diesen Begriffen ist das Neologismenwörterbuch nicht sicher. „Cheatday“, „Zoodles“, „Cronut“, „Cold Brew“, und „Clean eating“ klingen zwar allesamt eher wie Hashtags als Wörterbucheinträge, sind jedoch alle neue Begriffe der Essenskultur. Es geht jedoch noch moderner. Minimalisten können sich als „Foodsaver” bezeichnen, und in „Tiny House” ziehen. Nice!

Gesellschaft, Politik und Kritik

Aber auch vor gesellschaftlichen und politischen Phänomenen machen Neologismen nicht halt. Sie liefern Begriffe, um neue Situation zu beschreiben, aber auch zu kritisieren. Dadurch bieten sie einen guten Überblick über die derzeitige gesellschaftliche Situation. Das ist manchmal traurig, aber auch wichtig. „Metoo“ fand dieses Jahr den Weg ins Wörterbuch, nachdem bereits 2017 die Aktivistin Tarana Burke den Begriff als Hashtag prägte. Mit dem „Gendersternchen“ wird geschlechtergerechte Sprache vereinfacht und „nice“ liefert uns einen neuen Ausdruck, um euphorische Zustimmung zu leisten. Außerdem werden dieses Jahr gleich zwei Begriffe aufgenommen, die auf die akute Bedrohung durch den Klimawandel hinweisen. Während „Mikroplastik“ Plastikteilchen bezeichnet, die weniger als fünf Millimeter Durchmesser haben und in die Nahrungskette gelangen, definiert der „Erderwärmungstag“ den Tag im Jahr, an dem mehr Ressourcen für Nahrung, Energie usw. verbraucht sind, als regeneriert werden können.


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