Wenn die Einzahl einmal mehr als Mehrzahl zählt

Im ersten Teil unserer Trilogie “Genus, Numerus, Kasus” ging es – naheliegenderweise – um das Genus. Heute nehmen wir also den Numerus unter die Lupe.

Als erstes drängt sich die Frage auf: Was genau ist der Numerus überhaupt? Einfach gesagt ist er die Zählform einer Sprache. Je nach Sprache gibt es verschiedene Numeri, generell natürlich Singular und Plural. Der Singular drückt aus, dass etwas nur einmal vorhanden ist. Zum Beispiel: “Jana hat ein Haus.” Der Plural hingegen zeigt, dass ein Nomen mehrfach vorhanden ist: “Jana hat viele Häuser.” An dieser Stelle gibt es schlechte Neuigkeiten für alle, die Deutsch vielleicht als Fremdsprache unterrichten wollen: Es gibt im Deutschen keine allgemeingültige Regel für die Pluralbildung. Meist wird einfach -en, -n oder -e an das Nomen angehängt, es kann aber auch zur Nutzung von Umlauten (ä, ö, ü) kommen, wie im obenstehenden Beispiel.

white house under maple trees
Photo by Scott Webb / Unsplash

Nomen ohne Plural oder ohne Singular

Interessanterweise ist die Pluralbildung im Deutschen nicht nur nicht regelkonform; manchmal gibt es einfach gar keinen Plural. Diese Nomen ohne Plural nennen sich Singularetantum (und die Mehrzahl hiervon ist ironischerweise besonders ungewöhnlich: Singulariatantum). Dazu zählen unter anderem “das All”, “der Schnee”, “der Ärger”, “der Frieden” und “das Glück”. Das Gegenteil dazu gibt es natürlich auch: Das Pluraletantum (Mehrzahl Pluraliatantum). Beispiele für dieses sind “die Kosten”, “die Ferien”, “die Leute”.

Im Englischen gibt es dieses Phänomen übrigens auch. Eines der Beispiele ist vielen sicher noch aus dem Englischunterricht bekannt: “Information” hat auf Englisch keinen Plural. Man sagt niemals “informations” – das Wort lässt sich allerdings zählbar machen, zum Beispiel indem man “pieces of information” sagt. Weitere Worte ohne Plural sind “furniture”, “knowledge”, “homework” und “chaos”.
Genauso gibt es auch Wörter, die immer im Plural stehen, beziehungsweise bei denen ganz einfach kein Unterschied zwischen Singular und Plural besteht: “Moose” und “sheep” zählen dazu.

macro photography of brown moose
Photo by Malte Wingen / Unsplash

Indoeuropäische Sprachen

Um zu verstehen, wie viele verschiedene Arten der Pluralbildung es wirklich gibt, bietet es sich an einen Blick auf eine Sprachfamilie zu werfen. Indoeuropäische Sprachen werden oft als die Sprachen bezeichnet, die sich im Bezug auf Grammatik und Vokabular am ähnlichsten sind. Zu dieser Familie zählt der Großteil aller Sprachen die heute in Europa gesprochen werden, etwa die Hälfte der Sprachen, die aktuell in Indien zu hören sind, und Sprachen der Länder aus dem Nahen Osten, wie zum Beispiel Türkisch und Persisch. Die indoeuropäische Sprachfamilie ist also ziemlich divers. So gibt es allein in dieser Familie tatsächlich Sprachen, deren Nomen nie gezählt werden, oder Sprachen in denen es viel mehr Formen der Zählung gibt als nur Singular und Plural. Diese zusätzlichen Formen nennen sich Dual(is), Paral, Trial, Quadral, Paukal und Distributiv. Interessanterweise gab es den Dual(is) früher in vielen Sprachen, die Mehrheit der indoeuropäischen Sprachen hat ihn mittlerweile aber längst verloren. In Sanskrit, Altslawisch und Altgriechisch zum Beispiel gab es ihn. Heute finden wir den Dual(is) in Bruchstücken noch in balto-slawischen Sprachen, und auch die englische Verwendung des Wortes “both” ist ein Überbleibsel dieser Art der Zählung. Linguisten vermuten, dass viele Sprachen zu Anfang lediglich Zählformen für “eins”, “zwei” und “mehrere” hatten. Ein Hinweis darauf findet sich zum Beispiel im Englischen: “One” und “two” sind “first” und “second” eher unähnlich, ab der drei ähneln sie sich dann wieder: “three” – “third”, “four” – ”fourth”, … diese Formen wurden also vermutlich erst später hinzugefügt, nachdem “first” und “second” längst etablierte Ausdrücke waren.

Sprachen, die den Plural anders bilden

Nun verlassen wir den indoeuropäischen Sprachraum, und begeben uns in noch exotischere Regionen. Viele austronesische Sprachen, wie Malaiisch und Indonesisch, verwenden für die Pluralbildung die sogenannte Reduplikation: Laute, Silben, oder ganze Wörter werden wiederholt, um den Plural eines Wortes zu bilden. Auf Indonesisch kommt es dadurch zu Worten wie “kucing-kucing” – “Katzen”, also dem Plural für “kucing” – “Katze”. An dieser Stelle löst sich auch unser Rätsel von letzter Woche. In welcher Sprache sagt man statt “zwei Äpfel” “Apfel Apfel”? Ganz genau: Indonesisch. Aber aufgepasst: Beim Lernen dieser Sprache ist man im ersten Moment vielleicht erfreut über diese vermeintlich leichte Pluralbildung, aber auch hier gibt es Ausnahmen! Das Wort “mata” (“Auge”) kann nicht im normalen Plural existieren, ohne dabei einen Bedeutungswechsel zu durchlaufen, denn “mata-mata” heißt “Spion”. Auf Japanisch gibt es in den meisten Fällen einfach gar keine Änderung, wenn man sich zwischen Singular und Plural bewegt: “Neko” heißt “Katze”, genau wie auch “Katzen”.
In der maorischen Sprache gilt dies auch, mit der Ausnahme von acht Wörtern. In dieser Sprache weisen aber praktischerweise die Artikel auf den Unterschied zwischen Singular und Plural hin: “te ngeru” heißt “die Katze” und “ngā ngeru” “die Katzen”.

Kommen wir zum Abschluss des Themas zu einem interessanten Phänomen, welches für Menschen aus den meisten Kulturkreisen kaum vorstellbar ist: In der Sprache der australischen Ureinwohner ist es nicht möglich einfach “zehn Vögel” zu sagen, wenn man zum Beispiel auf eine Gruppe von fünf Spatzen und fünf Krähen hinweisen möchte. Unterschiedliche Vogelarten lassen sich nicht zusammenfassen, genau wie es im Deutschen zum Beispiel keine übergreifende Kategorie für Rucksäcke und Katzen geben kann – sie sind einfach zu verschieden.

gray tabby cat in yellow and black hand-case backpack
Photo by KiVEN Zhao / Unsplash

Emoji oder Emojis?

Da wir uns im ersten Teil dieser Reihe mit der heiß diskutierten Frage “Heißt es der oder das Nutella?” beschäftigten, kommen wir nun im Bezug auf den Numerus zu einer ganz ähnlichen Frage: Heißt es Emoji oder Emojis? Diese Frage stellt sich mit großer Dringlichkeit in der englischen Sprache (da dort s-Endungen im Plural die Norm sind), aber da wir auf Deutsch das gleiche Wort verwenden, ist ein kurzer Blick auf diese Frage die Zeit durchaus wert. The New York Times, genau wie auch The Atlantic nutzen seit Jahren beide Formen des Wortes – selbst bei den Schreibtalenten innerhalb bekannter Publikationen gibt es also keine klare Antwort auf die Frage. Ein Redakteur der Times bietet aber immerhin einen Vorschlag: Er präferiert generell “Emojis”, da es hier keine Verwechslungsgefahr gibt. Auch Social Media Manager empfehlen diese Form, allein schon wegen der Häufigkeit ihrer Nutzung.
Um der Frage wirklich auf den Grund zu gehen, muss man aber zurück zum Ursprung des Wortes, und dieser liegt natürlich im Japanischen. Beim Wort “emoji” handelt es sich um eine Zusammensetzung aus “e” – “Bild” und “moji” – “Schriftzeichen”. Und wie wir eben gelernt haben, ist der japanische Plural für das Nomen “emoji” auch “emoji”. Soll man der japanischen Sprache also lieber treu bleiben?
Linguisten argumentieren, dass Wörter die aus einer Sprache in eine andere übertragen und dort verwendet werden, dieser neuen Sprache auch immer angepasst werden – unter anderem aus Gewohnheit der Sprecher und auch als eine Art Vermeidungsstrategie von Wörtern die sich sonst seltsam oder zu formell anhören würden. Dies gilt zum Beispiel für Wörter lateinischen Ursprungs, deren eigentliche Pluralformen in anderen Sprachen nicht mehr genutzt werden. Durch diese Anpassung kommt es auch zu unterschiedlichen Pluralformen von Wörtern, die eigentlich dieselbe Sprache als Quelle haben: Tsunami wird zu Tsunamis, aber Sushi bleibt auch in der Mehrzahl noch Sushi. Es scheint eine feste kulturelle Bindung zu bestehen, wenn die grammatikalische Form der Ausgangssprache beibehalten wird: So ist Sushi ein klar japanisches Essen, Tsunamis hingegen kein allein japanisches Phänomen und dadurch nicht an ein Land und seine Sprache gebunden. Bei Emoji(s) lässt sich also eine ähnliche Schlussfolgerung ziehen: Die kleinen Bildchen haben ihren Ursprung vielleicht in Japan, sie werden aber weltweit verwendet. Somit ist es völlig in Ordnung von “Emojis” zu reden – “Sushis” hingegen sollte und wird kein gebräuchlicher Plural werden.

pink emoji neon signage
Photo by Jason Leung / Unsplash

Frage beantwortet? Nicht wirklich, aber es gibt auch keine klare Antwort. Personen mit Japanischkenntnissen werden eher bei “Emoji” bleiben, andere tendieren klar zu “Emojis”. Beides ist im Grunde richtig (außerhalb von Japan, versteht sich), aber wie die Times schon sagte ist “Emojis” als Plural einfach deutlicher.

Nächstes Mal: Der Kasus

Im finalen Teil unserer Trilogie geht es um den Kasus. Was ist er, wie genau funktionieren die verschiedenen Fälle im Deutschen, und ist es in anderen Sprachen anders? Und zu guter Letzt natürlich eine weitere heiß diskutierte Frage: Ist der Dativ wirklich dem Genitiv sein Tod? Das und mehr gibt es nächstes mal bei “Genus – Numerus – Kasus”.