Der Verfall der Fälle

Was ist der Kasus?

Der Kasus ist in der Linguistik der grammatikalische Fall in dem ein Nomen steht. Die vier Fälle im Deutschen heißen Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ. Diese Fälle kann man schnell mit W-Fragen identifizieren. Wer oder Was, Wessen, Wem, Wen oder Was. Check.

Quelle: Wortwuchs.net

Jetzt wo wir uns wieder daran erinnern worum es beim Kasus überhaupt geht, wird es Zeit den Schulstoff hinter uns zu lassen und uns spannenderen Fakten zu widmen, denn der Kasus hat ein gar nicht mal so einfaches Leben.

Der Kasus in der indoeuropäischen Sprachfamilie

Denken wir kurz zurück an den letzten Artikel dieser Reihe. Bereits dort ging es um indoeuropäische Sprachen und ihre unterschiedlichen Arten Nomen zu zählen. Nun widmen wir uns wieder diesem geographischen Bereich, aber zuerst geht es diesmal um die indoeuropäische Ursprache an sich. In dieser Ursprache gab es nämlich ganze acht verschiedene Fälle, von denen im Laufe der Zeit immer mehr verloren gegangen sind.

1. Nominativ („das Boot ist groß“)
2. Genitiv („die Farbe des Bootes“)
3. Dativ („ich danke dem Boot“)
4. Akkusativ („ich sehe das Boot“)
5. Ablativ („ich komme vom Boot“)
6. Lokativ („im Boot“)
7. Instrumental („mittels des Bootes“)
8. Vokativ („O Boot!“)

Die Latein-Gelehrten unter uns kennen den Ablativ aus dem Schulunterricht nur zu gut, die meisten anderen hingegen sind oft nur mit den ersten vier Fällen vertraut, denn diese sind in der deutschen Sprache erhalten geblieben.
Sprachen wie Polnisch und Tschechisch weisen sogar heute noch ganze sieben Fälle auf, Russisch und Slowakisch noch sechs. Im südslawischen Bereich gibt es jedoch einen großen Trend zu weniger Fällen: Serbokroatisch hat nur fünf Fälle, wobei zwei davon schon immer mehr zu einem werden, Torlakisch hat praktisch alle Kasus-Endungen aufgegeben und in Mazedonien und Bulgarien sind alle Fälle bis auf den Vokativ verschmolzen – und auch dieser verschwindet langsam.
Im keltischen Bereich haben auch Walisisch, Kornisch und Bretonisch keinerlei Fälle mehr, im Gälischen gibt es wenigstens noch vier Fälle und im Irischen drei, da dort der Dativ ausgestorben ist.
Viele Sprachen haben den Kasus bei Artikeln, Adjektiven und Nomen längst aufgegeben. Dazu zählen Englisch, Niederländisch, Norwegisch, Schwedisch und Dänisch. Nur bei Personalpronomen gibt es oft noch die verschiedenen Fälle. Im Englischen existieren diese zum Beispiel noch in Form von “I”, “me”, “mine” und “myself”.

ship helm
Photo by Joseph Barrientos / Unsplash

Der Verfall der Fälle

Der Trend zur Vereinfachung von Sprachen bleibt tendenziell bestehen. Es ist anzunehmen, dass Sprachen, die aktuell noch mehr als drei oder vier Fälle haben, diesen Bestand weiter verringern werden. Das hört sich jetzt nach einer aktiven Entscheidung an, ist es aber natürlich nicht. Es gibt keine Sitzungen in denen entschieden wird, wie sich Sprachen verändern – dies passiert von ganz allein. Genau wie es im Laufe der Zeit immer weniger Sprachen gibt, werden diese auch in sich immer einfacher. Es ist noch nicht abzusehen, wie viele Fälle am Ende (am rein hypothetischen Ende versteht sich, denn wo und wann ist wirklich ein Ende von Sprachwandel erreicht?) noch erhalten sein werden, oder ob sich noch mehr Sprachen der westeuropäischen Tendenz anschließen, und so über kurz oder lang alle Fälle verschwinden werden. Gerade im Deutschen ist der Abbau der Fälle ungewöhnlich langsam, das Aussterben des Genitivs ist jedoch schon länger absehbar – sehr zum Vorteil von Bastian Sick, der sich mit seiner Zwiebelfisch Kolumne und der mittlerweile sechsteiligen Buchreihe ”Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod” immerhin ein gutes Einkommen sichern konnte.

Dativ vs. Genitiv: Ist der Dativ wirklich dem Genitiv sein Tod?

Die Frage, ob der Dativ den Genitiv ersetzt, wurde im deutschen Sprachraum von Sebastian Sick ins Rampenlicht katapultiert. Man kann annehmen, dass sich ohne die immense Popularität von “Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod” nicht allzu viele Personen im deutschsprachigen Raum wirklich über die Bedrohung des armen Genitivs im Klaren wären – denn auch wer ihn selbst kaum noch benutzt, denkt sicher nicht aktiv darüber nach. Aber da der größte Wirbel um die Buchreihe schon länger vorbei ist, wird es Zeit aus unserer aktuellen Perspektive noch einmal einen Blick auf die Fragestellung zu werfen: Stirbt der Genitiv tatsächlich aus – und ist der Dativ schuld daran?

greyscale photography of animal skull
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Besonders in Süddeutschland wurde der Genitiv in der Umgangssprache tatsächlich schon durch den Dativ ersetzt. Man hört Sätze wie “der Traktor vom Bauer” oder sogar “dem Bauer sein Traktor”. Ersteres hört sich normal an, letzteres tut (noch) ein bisschen weh. Es handelt sich hierbei aber um einen völlig organischen Prozess des Sprachwandels, der auf diese Art in fast ganz Europa stattfindet.
Richtet man das linguistische Mikroskop nur auf Deutschland, wird schnell klar, dass der Zeitpunkt des bevorstehenden Todes des Genitivs extrem von der jeweiligen Region abhängig ist: Im Niederdeutschen sind Dativ und Akkusativ längst zu einem Fall geworden, und auch im Bairischen, Ostfränkischen und Ostmitteldeutschen findet diese Verschmelzung langsam statt. In wieder anderen Dialekten (Alemannisch, Rheinfränkisch und Moselfränkisch) verschmelzen hingegen Nominativ und Akkusativ zu einem Fall. In manchen Regionen gelten diese Veränderungen nur für ein paar Wortarten, in anderen für alle Wortarten außer Personalpronomen – diese sind auf universeller Ebene tatsächlich am resistentesten gegenüber dem Verfall der Fälle. Allerdings ist anzunehmen, dass auch innerhalb einiger Dialekte noch Unterschiede je nach Altersklasse vorliegen. Jüngere Generationen nutzen Fälle zum Beispiel oft noch anders als ihre Eltern und Großeltern; um hierüber genaue Aussagen zu machen liegen aber nicht ausreichend viele Daten vor.
Es lässt sich so oder so nicht abstreiten, dass der Dativ den Genitiv verdrängt – aber ist das so schlimm? Sprache verändert sich nun einmal, und niemand von uns möchte heute noch so sprechen müssen, wie unsere Vorfahren es vor hundert Jahren getan haben.
Ein oft genannter Kritikpunkt an Sicks humorvollen Kommentaren ist genau dieser Aspekt: Seine Einstellung wird als zu “sprachpflegerisch” bezeichnet. Er will Sprachen anscheinend geradezu so instandhalten, wie Restaurateure ein Gemälde von van Gogh behandeln würden.

Vincent Van Gogh portrait painting
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Selbst in der Werbung toleriert er keine Anpassungen an einen modernen Sprach- und Schreibstil, und Linguisten raten sogar davon ab, Sicks Texte für den Schulunterricht zu nutzen, da sie sachliche Fehler enthalten. Zur Unterhaltung sind seine Kolumnen sowie seine Bücher aber natürlich optimal. Eines Tages wird man vielleicht sogar verwirrt auf seine Werke zurückblicken, denn irgendwann wird der Genitiv genau so wenigen Leuten bekannt sein, wie es heute schon der Ablativ ist.

Das Aussterben des Kasus durch multikulturelle Einflüsse

Linguisten nehmen an, dass die deutsche Sprache vom kreolischen Prinzip verändert werden wird: “Wenn Mehrsprachigkeit dominiert, wird alles beseitigt, was man für die Verständigung nicht braucht” sagt Sprachwissenschaftler Uwe Hinrichs. Unterschiedliche Wortendungen (und somit auch unterschiedliche Fälle) werden immer unwichtiger, da aus dem Zusammenhang doch sowieso meist klar ist, worum es geht.
Der Kasusabbau ist hierbei tatsächlich einer der markantesten Faktoren. Wie wir oben bereits gelernt haben, sind romanische Sprachen schon längst sehr fallarm und auch die typischen Migrantensprachen in Deutschland (Türkisch, Rumänisch, Bulgarisch, Arabisch) funktionieren auf diese Weise. Spricht man im Türkischen in der Reihenfolge “Präsident-dem-Haus-sein”, bietet sich auch im Deutschen immer mehr “dem Präsidenten sein Haus” an. Hinrichs ist überzeugt, dass schon die nächste Generation sich kaum noch an den Genitiv erinnern wird, und ihn genau so seltsam finden wird, wie wir aktuell vielleicht noch “dem Präsidenten sein Haus”. Interessanterweise – im Hinblick auf das vorhergegangene Kapitel – wird der Dativ wohl der nächste Sterbefall sein. Diesmal ist der Täter der Akkusativ. “Er hat ihn ein Rad geschenkt” würde es dann heißen. Der Akkusativ wird im Laufe der Zeit immer allgemeingültiger und wird somit eher zu einem Pseudo-Akkusativ; also zu einem allgemeinen Fall, welcher den Akkusativ lediglich als Ursprung hat. Fälle werden zudem vermehrt durch “für” ersetzt. Im Bulgarischen wird dies schon längst so gehandhabt, und auch im Deutschen wird es immer normaler werden “die Zukunft für die Regenwälder” anstatt “die Zukunft der Regenwälder” zu diskutieren.

trees covered with fog
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Außerhalb des Kasusabbaus (oder “außerhalb vom Kasusabbau”, wenn man so modern sein möchte), gibt es natürlich noch andere Veränderungen, die durch den Einfluss anderer Sprachen entstehen: Was zum Beispiel verloren gehen wird sind Artikel, und das wundert wohl niemanden. Sie zählen zu den schwierigsten Aspekten der deutschen Sprache, und auch wenn man sie weglässt, kommt es zu keinerlei Verständnisproblemen. Warum also “Das Problem ist …” sagen, wenn auch einfach “Problem ist …” funktioniert? Auch bei Steigerungsformen können wir Änderungen erwarten. So wird man im Laufe der Zeit immer öfter “mehr aufregend” hören, statt dem aktuell verwendeten “aufregender”. So funktionieren Steigerungen im Türkischen und in Balkansprachen, und je nach Wortlänge natürlich auch im Englischen, also ist eine Anpassung der deutschen Sprache ebenfalls zu erwarten.

Wo genau diese Veränderungen aber wirklich herkommen, sprich ob der Einfluss von Migranten wirklich so groß ist oder ob auch die Deutschen “ihre” Sprache ganz allein verändern, bleibt umstritten. Generell verändern Sprachen sich schon immer durch die Bewegung von Völkern, aber auch ganz organisch von innen heraus. Auch wenn Sprachforscher wie Uwe Hinrichs interessante Parallelen zwischen Migrantensprachen und Veränderungen im Deutschen finden konnte, bleiben viele Quellen des Wandels weiterhin völlig ungeklärt. Und die Frage, die man sich in der Linguistik sowieso gar nicht stellen sollte, ist die ob eine Sprache durch Veränderungen besser oder schlechter wird. Sprachen sind nicht gut oder schlecht, und oft sind Sätze auch nicht falsch oder richtig. Sprachen sind eben Sprachen, und diese verändern sich schon immer (wer das jetzt nicht glaubt sollte kurz zum Bücherregal schlendern und einen älteren Klassiker hervorziehen) und werden dies auch weiterhin tun.

Jugendsprache

Bleiben wir doch einmal beim angeblichen Einfluss der Migration auf die Sprache. Viele, die sich mit dem Sprachwandel nicht richtig anfreunden können, schieben die vermeintliche “Schuld” schnell auf den Einfluss von Fremdsprachen. Vor ein paar Jahren nahm sich dann die Berliner Soziolinguistin Diana Marossek dieser Fragestellung an, und schrieb ihre preisgekrönte Doktorarbeit zum Thema Kiezdeutsch. Das Ergebnis? Kiezdeutsch ist weder in Berlin, noch in anderen deutschen Städten, ausschließlich ein Produkt der Migration. Aber es bestätigten sich auch einige Vorurteile. So sagt Marossek: “In Neukölln, Wedding, Kreuzberg und Reinickendorf geht es sprachlich am meisten zur Sache. Auffällig ist, dass in Ostbezirken wie Marzahn-Hellersdorf viel weniger Einflüsse des Ethnolekts zu finden sind, dafür berlinern die Schüler aber viel stärker. In Steglitz und Zehlendorf drücken sie sich am saubersten aus.”
Ein Jahr lang besuchte sie Berliner Schulen und belauschte – getarnt als Referendarin – die Gespräche der Schüler. Insgesamt 1.400 Kindern und Jugendlichen hörte sie dabei zu, und stellte fest, dass es auch zwischen den unterschiedlichsten Bezirken Gemeinsamkeiten gibt. So ließen fast alle Schüler Wörter wie “zum” und “beim” häufig weg. “Kommst du mit Klo?” oder “Ich war Fußball” waren an allen Schulen völlig normale Sätze. Marossek zieht den Schluss, dass sich stadteigene Dialekte mit Migrationssprachen kombinieren, und dadurch Sprachformen wie das Kiezdeutsch entstehen. Besonders in Berlin sei dies aufgrund der vermeintlichen Faulheit der Sprecher des Berlinerischen sehr einfach: “Daher habe ich die These aufgestellt, dass Berliner neurolinguistisch besonders anfällig für das neue Kiezdeutsch sind, da sie die Strukturen schon kennen. ‘Ich bin auf Arbeit’ sagt man hier schon seit Hunderten von Jahren. Uns Berliner stört das ja nicht mehr.”

photo of buntings hanged near graffiti artworks
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Kiezdeutsch gilt als Name für eine derartige Sprachform natürlich hauptsächlich für den Berliner Raum; allgemein nennt sich diese Art der Sprache “Ethnolekt”. Sogar im Lehrerzimmer bekam Marossek diesen zu Ohren und die weitere Verbreitung ist von da aus kein großes Rätsel mehr. Sie sagt auch, dass es den Trend zum Wegfall der Präpositionen schon immer gab. Schon in den 1930ern hätte man sich darüber aufgeregt, dass viele Menschen in der Umgangssprache die Präpositionen wegfallen ließen – gestoppt hat diese Entwicklung aber trotzdem nicht.
Mit dem Bildungshintergrund der Personen hat diese Ausdrucksweise laut Marossek aber auch nichts zu tun, denn zum Beispiel in der S-Bahn hört man auch Akademiker Sprachnachrichten versenden wie “Bin jetzt Zoo”. Vor allem an Gymnasien werden Ethnolekte zudem genutzt um “stark zu wirken”. Dort schalten die Schüler im Unterricht wieder auf korrekte Grammatik um – an anderen Schulformen klappt dies wohl aber nicht immer.
Heike Wiese, Sprachforscherin an der Universität Potsdam, fügt dieser Feststellung hinzu, dass das Deutsche das Türkische viel stärker beeinflusst als andersherum. Seit vielen Jahren beobachten Forscher, dass im Türkischen nicht nur Deutsche Ausdrücke, sondern auch Spuren deutscher Grammatik vorzufinden sind. Die Beeinflussung findet also auf beiden Seiten statt, und sorgt vermutlich auch auf beiden Seiten für Frust in den älteren Generationen. Aus genau diesem Grund nutzen laut der Sprachforscherin vor allem Schüler das Kiezdeutsch auch zur Provokation.
So oder so bedingt das Wegfallen von Präpositionen eine gewisse Redundanz des Kasus per se. Bei Sätzen wie “Gehen wir Stadt?” lassen sich viele der W-Fragen kaum noch stellen und beantworten – und warum auch?
Für die stetig sinkende Häufigkeit der Nutzung von Präpositionen machen Forscher zusätzlich die moderne Kommunikation verantwortlich. Kaum jemand würde einen Brief so verfassen, wie man eine kurze Nachricht per Handy verschickt. “Kommst du heute Kino?” spart Zeit und macht Sinn. Laut verschiedener Sprachforscher sei der Großteil der Sprecher auch außerhalb der Schule weiterhin in der Lage grammatikalisch korrekt zu sprechen und zu schreiben – ihnen ist also bewusst, dass sie umgangssprachliche Kurzformen benutzen. Es bleibt nur abzuwarten, ob diese Kurzformen in der Umgangssprache weiter erhalten bleiben, oder ob die verlorenen Präpositionen und der dadurch zunehmend redundante Kasus lediglich ein Phänomen dieser Generation sind … und mit welchen Ausdrücken die nächste Generation deutschlandweite Diskussionen auslösen wird.

Danke und auf Wiedersehen!

Das war es auch schon von unserer Trilogie “GenusNumerus – Kasus”. Wir hoffen, ihr hattet Spaß bei unserem kurzen Tauchgang in die Sprachwissenschaft. Stay tuned für ständig neue und immer informative Posts in unserem Blog!