Warum sprechen wir, wie wir es tun?

Die Arbeit mit Sprachen ist eine der faszinierendsten, manchmal aber auch eine der widersprüchlichsten Herausforderungen, die es überhaupt gibt. Die Gründe hierfür sind vielschichtig, allem voran jedoch steht die Tatsache, dass eine jede Sprache das Produkt einer sehr spezifischen und höchst individuellen Entwicklung ist, die von der sie direkt umgebenden Kultur bedingt wurde.

Sprache ist der Katalysator und Träger von Tradition, Emotion und Lebensgeschichte, ja ein Zeitzeuge menschlicher Entwicklung. Davyth Hicks (Chefredakteur von Eurolang) geht so weit, die sprachliche Vielfalt gar als Unterkategorie biologischer Vielfalt zu betrachten.

Das zeigt auch die Grafik von Minna Sundberg, eine schwedische Illustratorin, die einen Baum zur Veranschaulichung der Entwicklung von Indo-Europäischen Sprachen nutzt. Die Abstammung dieser Sprachen entspringt den Wurzeln und dem Baumstamm, diese verzweigen sich immer weiter, sodass aus einem Sprachstamm mehr Verästelungen und somit mehr Sprachen entstehen und sich eine komplexe, aber interessante Struktur bildet.

Illustration (C) Minna Sundberg

Wir haben uns vorgenommen diese Unterschiede unter die Lupe zu nehmen und euch einige Erkenntnisse anhand der drei wichtigsten Sprachsäulen – Genus, Numerus und Kasus – vorzustellen. Warum sind bestimmte Substantive im Deutschen feminin, wohingegen sie im Spanischen dem männlichen Genus zugeordnet werden? Welche Hintergründe hat das? Gibt es Sprachen, in denen Wörter keinen Plural haben? Wie drückt man in diesen Sprachen dann die Mehrzahl aus? Und wie sieht es mit dem Kasus aus? Wieso unterscheidet sich die Anzahl der Fälle in verschiedenen Sprachen so dramatisch? Stellt etwa jede Kultur ganz andere Fragen? Wir möchten einigen dieser Mysterien auf den Grund gehen oder zumindest versuchen sie besser zu verstehen.

Aus diesem Grund starten wir eine Mini-Serie, bei der wir jedes Element näher betrachten. In dem Piloten dieser Serie widmen wir uns dem Genus – ein äußerst spannendes, weitläufiges, aber auch nicht unumstrittenes Thema.

Das grammatikalische Genus

Was ist das Genus überhaupt? Dem Duden nach unterteilt das Genus im Deutschen Substantive in drei verschiedene Kategorien: männlich, weiblich, sachlich. Somit wird durch das Genus das grammatikalische Geschlecht des Substantivs festgelegt. Danach werden auch Adjektive und Pronomen der Klassifizierung des Substantivs angepasst.

Für deutsche Muttersprachler ist es ganz normal, dass es bei allen möglichen Worten und Begriffen Unterteilungen nach dem Geschlecht gibt, auch wenn man sich bei diesem Thema wilden Debatten unterziehen kann. Die vermutlich hitzigste Diskussion gibt es bei Nutella: Heißt es der, die oder das Nutella? In Bayern wird hingegen besonders bei Butter gestritten: Ist es der oder die Butter? Viele Sprachen haben das Genus beibehalten und dies bleibt nicht nur ein mysteriöser, sondern auch ein umstrittener Fall. Beispielsweise nutzen romanische Sprachen, wie Spanisch und Französisch, eine geschlechtliche Unterteilung.

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Photo by Michael Prewett / Unsplash

Der Unterschied zwischen den romanischen Sprachen und Deutsch ist, dass in den romanischen Sprachen zwei Genera verwendet werden und nicht drei wie im Deutschen. Diskutiert man diese Problematik vor allem mit Englisch Muttersprachlern, sehen diese keinen Sinn darin. Das ist kein Wunder, denn der unbestimmte Artikel „a“ passt zu allem, egal ob ein Mann, eine Frau oder ein Objekt damit gemeint sind (eine Ausnahme sind die Wörter, die es nur im Plural gibt, aber dazu gibt’s nächstes Mal mehr). Immerhin besaß Englisch früher auch diese grammatikalische Besonderheit, die allerdings nach der Normannischen Eroberung Englands, die die englische Sprache grundlegend veränderte, abgeschafft wurde. Auch in anderen Ländern wird das Genus nicht genutzt, wie zum Beispiel in Japan, Vietnam oder der Türkei.

Man sollte hierbei aber nicht vergessen, dass es natürlich sprachliche Unterscheidungen beim Geschlecht im generellen Sinne gibt, auch wenn kein Genus verwendet wird. Denn das Genus drückt das grammatikalische Geschlecht aus und nicht gezwungenermaßen den Sexus, also das natürliche Geschlecht. Im Deutschen ist das zwar oft Jacke wie Hose, allerdings gibt es auch Ausnahmen. Beispielsweise: „das Mädchen“ oder „das Weib“: Grammatikalisch gesehen wäre „Mädchen“ sachlich, doch betrachten wir hierbei den Sexus, wissen wir, dass „Mädchen“ weiblich ist.

Besonders LinguistInnen und FeministInnen machen uns darauf aufmerksam, dass wir als Gesellschaft aufgrund des grammatikalischen Genus‘ dazu neigen, bestimmte Worte mit Männlichkeit oder Weiblichkeit zu assoziieren. Doch wenn man die vielen Sprachen der Welt betrachtet, fällt einem auf: einige Sprachen bezeichnen etwas weiblich, während das gleiche Wort, mit der gleichen Bedeutung, in einer anderen Sprache zum männlichen oder neutralen Genus zugeordnet wird. „Der Mond“ und „die Sonne“ heißt es zum Beispiel auf Deutsch, während die selben Begriffe auf Spanisch und allen anderen lateinischen Sprachen „la luna“ (feminin) und „el sol“ (maskulin) heißen.

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Photo by Mike Petrucci / Unsplash

Womit hängt das zusammen? Es gibt diverse Theorien, die aber eher Spekulationen als einer schlüssigen Theorie ähneln. Wenn wir das vorherige Beispiel mit der Sonne und dem Mond betrachten, kann man schnell kulturelle Unterschiede feststellen. In Spanien beispielsweise wird der Mond mit Weiblichkeit und die Sonne mit Männlichkeit assoziiert – der Grund dafür ist, dass die Sonne Energie ausstrahlt und dadurch Leben schenkt, ähnlich einer Samenzelle. Der Mond nimmt diese Energie auf, denn ohne die Sonnenstrahlung wäre er unsichtbar. Eine Gegentheorie besagt jedoch, dass es eigentlich umgekehrt ist, da die Sonne als statisches Objekt einem Ovum ähnelt und der Mond in seiner Bewegungslaufbahn einem Samenfaden. Darüber hinaus: Wenn man ein Ovum und einen Samenfaden unter einem Mikroskop betrachtet, hat das Ovum eine rötliche und der Samenfaden eine eher weißliche Farbe.

Sonnengott oder Sonnengöttin?

Weitere Theorien kommen aus der Religion, oder besser gesagt aus der Welt der Götterverehrung. Einige Wissenschaftler (Arent J. Wensinck und Jean Markale) argumentieren, dass in heidnischen Zeiten das weibliche Geschlecht mit Macht und Stärke assoziiert wurde, während monotheistische Religionen diese Eigenschaften eher dem Mann zuschrieben. In vielen Religionen gibt es männliche Sonnengötter, wie zum Beispiel den ägyptischen Sonnengott Ra. Bei diesem hatte man die Vorstellung, dass er auf der Sonnenscheibe thront. Alternativ gab es auch den Gedanken, dass das Auge des Sonnengottes Ra die Sonnenscheibe wäre. Besonders diese visuelle Veranschaulichung des Gottes war damals beliebt. Somit strahlte Ra Macht und Stärke aus und verkörperte diese auch. In der germanischen Tradition der nordischen Mythologie war der Sonnengott in Gestalt der Sonnengöttin Sol, die also weiblich war. Man sagte, dass die Göttin Sol mit einem Sonnenwagen, gezogen von zwei Pferden, über den Himmel fährt, oder vielmehr fliegt. Die Sonne wurde von den Göttern auf den Wagen platziert, sodass Sol die Sonne lenken konnte. Vor dem Weltuntergang und bevor die Sonnengöttin von einem Wolf verschlungen wurde, gebar sie eine Tochter, die in die Fußstapfen ihrer Mutter trat und somit weiterhin den Sonnenwagen lenken konnte. Zwei komplett verschiedene Vorstellungen des Geschlechts, die Macht und Stärke verbildlichen – und eine absolut gegensätzliche Vorstellung des Gottes oder der Göttin (ist das geschlechtsneutral genug?) der Sonne. Durch die verschiedenen Kulturen und den Verkörperungen von bestimmten Elementen, wie in diesem Beispiel der Sonne, unterscheidet sich allein hier schon die Weltanschauung derartig, dass es verständlich erscheint, warum beim Genus in unterschiedlichen Kulturen Unterschiede entstehen.

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Photo by Tanishq Tiwari / Unsplash

Der Kampf der Geschlechter

Das ursprüngliche Genus stand in stärkerem Zusammenhang mit der Natur, und die Objekte wurden ursprünglich in „lebendig“ und „leblos“ zugeteilt, später entwickelte man dann maskuline, feminine und neutrale Formen. Aber warum? Es gibt keine klare Erklärung, jedoch wird vermutet, dass der Grund der menschliche Drang/Wunsch nach Kategorisierung war. Inzwischen gibt es sogar Vorschläge, das Genus abzuschaffen, um der Sprache mehr „Gerechtigkeit“ zu geben und alle gleichermaßen anzusprechen. Ob das wirklich passieren wird, ist umstritten, denn Sprache und Kultur sind sehr eng miteinander verbunden und Kultur lässt sich nur ungern „einfach so“ und zudem abrupt verändern. Auch laut Dr. Holger Klatte, Germanist und Geschäftsführer des Vereins Deutsche Sprache e.V., ist es schwer jeder einzelnen gesellschaftlichen Gruppe gerecht zu werden. „Niemand weiß mehr genau, wie man diskriminierungsfrei formulieren soll und was an den ursprünglichen Formen, das heißt an dem generischen Maskulinum, so ungerecht ist“, so lautet das Zitat von Klatte. Zudem sieht er es als wichtiger an, die Ungerechtigkeit zwischen Geschlechtern gesellschaftlich zu verändern, zum Beispiel durch Frauenquoten in Unternehmen, statt an den Sprachregeln basteln. Die „Verweiblichung“ von Begriffen, wie Bäckerin oder Lehrerin, gab es schon immer und wurde schließlich auch nicht erst durchgesetzt. Trotzdem ist es natürlich schwer, den Sexus des Substantivs herauszulesen, wenn maskuline Bezeichnungen verwendet werden, also wenn man beispielsweise „Bäcker“ sagt, aber es sich auch um eine Frau handeln könnte. Aber ist das nicht für Leser und besonders Schreiber aufwendig? Wir wissen ja, dass der Sexus nicht gezwungenermaßen auf das Genus zu schließen ist (wie im vorherigen Beispiel „das Mädchen“).

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Photo by Oliver Cole / Unsplash

Die Lösung von Spezialisten für das sprachliche Geschlechterdebakel ist das Binnen-I, also zum Beispiel im Fall „SchülerInnen“, oder das Gendersternchen, also „Schüler*innen“. Aber wie umgänglich ist diese Schreibweise? Und wie viele Personen nutzen diese Optionen überhaupt? Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov hat genau diese Fragen im Herbst 2017 behandelt. 42 Prozent der Deutschen lehnte hierbei die Nutzung des Binnen-I und des Gendersternchens ab. Sogar 19 Prozent lehnten es „voll und ganz“ ab. Nur 14 Prozent der Befragten stimmten dem Gebrauch „voll und ganz“ zu. Unterschiedliche Ergebnisse wurden auch innerhalb der Stichproben erhoben. So waren 15 Prozent der Befürworter Frauen und 12 Prozent Männer. Eine starke Abweichung kann man bei den Ablehnenden sehen: Männer liegen hierbei bei 23 Prozent und Frauen bei 14 Prozent. Auch zwischen den Altersklassen fanden sich unterschiedliche Ergebnisse. Stark abgelehnt wurde die Thematik bei den 35 bis 44-jährigen – mit ganzen 21 Prozent. Im Kontrast dazu gab es bei den 18 bis 24-jährigen eine Ausprägung von 12 Prozent. So scheint es, dass es der Generation Y wichtiger ist, eine genderneutrale Sprache anzuwenden, als älteren Generationen. Bewusste Nutzung von geschlechtsneutralen Worten werden lediglich von 5 Prozent der Befragten genutzt. Alltagstauglich und umgänglich wirkt die geschlechtsneutrale Sprache also leider nicht, von der Ablehnung mal ganz abgesehen.

Doch unfair erscheint es vielen trotzdem. Die Frage ist, ob uns die Verwendung des Genus‘ bewusst oder unterbewusst beeinflusst und ob es auch in einer Art und Weise diskriminierend sein kann, wenn es „Studenten“ und nicht „StudentInnen“ oder „Studierende“ heißt. So wurden im März 2017 SPD-Mitglieder gefragt, wer ihrer Meinung nach das Amt des Bundeskanzlers antreten soll. Eine Gruppe wurde nach einem potenziellen Bundeskanzler befragt, die als Antwort dann tatsächlich nur Männer nannte. Die anderen Probanden wurden nach einem potenziellen Bundeskanzler oder einer Kanzlerin befragt, die dann sowohl Männer als auch Frauen nannte. Nach dem Linguisten Professor Peter Eisenberg (Universität Potsdam) sollten Frauen hörbar und sichtbar in der Sprache sein. Jedoch gibt es sprachlich nun mal Probleme dies umzusetzen. Beispielsweise wenn man das Substantiv „Flüchtling“ nimmt, gibt es hier keine klare Aussage über den Sexus des Flüchtlings. Eisenberg ist auch der Meinung, dass niemand das Recht hat, in eine Sprache einzugreifen und neue Formen einzuführen, wie eben das Binnen-I oder das Gendersternchen.

Im Gegenzug muss man die Lage aber auch anders betrachten. Wenn man zum Beispiel in einem Satz „Bäcker“ und „Bäckerin“ verwendet, hebt man die Frau doppelt, also besonders hervor. Denn mit „Bäcker“ ist das Handwerk gemeint und schließt sowohl Männer als auch Frauen mit ein, nach Eisenberg.

Eine zufriedenstellende Lösung für den Kampf der Geschlechter, natürlich nur im sprachlichen Sinne, scheint es bis jetzt noch nicht zu geben. Aber vielleicht kommen wir dem Ganzen bald näher und können uns vermehrt mit der gesellschaftlichen Gleichberechtigung beschäftigen.

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Photo by Jessica Podraza / Unsplash

Heads Up für den Numerus

Im nächsten Artikel beschäftigen wir uns mit einem weiteren sprachlichen Mysterium: dem Numerus. Wo kommt er her? Gibt es Regeln, wann man was benutzen sollte? Welche Unterschiede gibt es zwischen der deutschen Sprache und anderen?

Als Vorgeschmack gibt es eine Frage: Wisst ihr, welche Sprache den Plural durch das Wiederholen des Wortes definiert? Statt „zwei Äpfel“ sagt man in dieser Sprache „Apfel Apfel“. Seid gespannt auf die Antworten und die Enthüllung des Geheimnisses um den Numerus in unserem zweiten Teil der Mini-Trilogie über: Genus-Numerus-Kasus.