Neben den 23 offiziellen Amtssprachen der Europäischen Union sind über 100 weitere Minderheitensprachen anerkannt. Übersetzen ist teuer, zeitintensiv und die Effizienz oft fraglich. Da ist Kritik naheliegend: Ist so gemeinschaftliches Handeln überhaupt möglich, kann eine gemeinsame Kultur entstehen, wenn die Menschen nicht in der Sprache geeint sind und ist der Aufwand überhaupt gerechtfertigt?

4.476.000 km², über 700 Millionen Einwohner und 23 Amtssprachen

Kein Kontinent besitzt eine so vielfältige Sprachdiversität wie Europa. 17 verschiedene ethnologische Gruppen sind mit 23 Amtssprachen in der Europäischen Union vertreten. Dazu kommen mehr als 100 anerkannte Minderheitensprachen. Russisch macht mit ca. 100 Mio. Sprechern den Großteil aus. Die meistgesprochenen Sprachen sind jedoch Englisch (51 %), Deutsch (32 %) und Französisch (28 %). Deutsch macht mit 18 % Muttersprachlern den größten Anteil aus. Während dies nach großem bürokratischen Aufwand, hohen Kosten und langwierigen Prozessen klingt wird gleichzeitig vor sprachlichem Verfall gewarnt. Bis zum Jahr 2100 könnten rund die Hälfte der derzeit gesprochenen Sprachen aussterben. Ist der Erhalt dieser Sprachdiversität unnützer Aufwand, dient er dem alleinigen Schutz dieser Sprachen und lohnt er sich überhaupt?

Von der Lingua Franca zur heutigen Sprachvielfalt

In der europäischen Sprachgeschichte lassen sich drei Verkehrssprachen finden. Nachdem sich in der frühen Geschichte verschiedenste Sprachen ausbildeten, entstanden im Laufe der Zeit einheitlichere Sprachen, um Kommunikation, Handel und Reisen zu ermöglichen. Die Verwendung von Latein, die früher zur primären Verständigung diente, nahm seit dem späten Mittelalter ab. Abgelöst wurde Latein als Lingua Franca Mitte des Siebzehnten Jahrhunderts durch Französisch. Mit dem Versailler Vertrag 1918 nahm die Verwendung jedoch allmählich wieder ab und mit Ende des Ersten Weltkriegs begann der Erfolgskurs des Englischen.

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Sprachförderung zur besseren Kommunikation

Europa ist flächenmäßig, verglichen mit anderen Kontinenten, ein recht kleiner Kontinent. Gerade deshalb ist es relativ einfach zu reisen. Allein Deutschland weist neun Anrainerstaaten vor. Nicht nur deshalb gewinnt die Bedeutung von Mehrsprachigkeit an Gewicht. Weiterhin beschloss die Europäische Union 2002, dass jeder junge Europäer zukünftig mindestens zwei weitere Sprachen erlernen solle. Als Vorreiter gelten die Niederlande und Luxemburg. Doch wie soll dies umgesetzt werden?

"In Vielfalt geeint" - Die Rolle der Europäischen Union

Die Europäische Union gilt als Pionier. 23 Amtssprachen und die Freiheit eines jedes Abgeordneten in der Sprache seiner Wahl zu sprechen bedeuten bürokratischen Aufwand und immense Kosten für den Verwaltungsapparat. Dies sowohl direkt, durch finanziellen Aufwand, als auch indirekt durch lange Wartezeiten. Die EU befürwortet Sprachvielfalt als Bestandteil von Identität und Ausdruck von Kultur.

Die Rechtsgrundlage hierzu liefert der Leitfaden der EU - "In Vielfalt geeint". Seit 2000 setzt sich die Europäische Union deshalb nicht nur für die Herstellung und Wahrung des gemeinsamen Friedens und Wohlstandes ein, sondern versucht die verschiedenen europäischen Kulturen, Traditionen und Sprachen in ihrer gemeinsamen Existenz zu erhalten, aber auch zu vereinen.

Erasmus, Erasmus+ und das European Language Label

Während die EU ständig mit internationalen Regierungen kooperiert, in Arbeitsgruppen zusammenarbeitet und jedes Jahr, am 26. September, den Europäischen Tag der Sprachen feiert, ist Erasmus wahrscheinlich eines der bekanntesten, aber auch beliebtesten Programme. Erasmus ist ein Bildungsprogramm, das bereits seit 30 Jahren existiert und Studierenden und jungen Erwachsenen innerhalb der 33 Ländern der EU Auslandsaufenthalte fördert. So kann Europa beispielsweise in einem 3 bis 12-monatigen Auslandsaufenthalt hautnah an einer europäischen Universität oder in einem Praktikum erlebt werden. Außerdem werden die Teilnehmenden nicht nur finanziell, sondern auch ideell unterstützt.

Das European Language Label zeichnet jedes Jahr ein bis zweimal das innovativste Sprachlernprojekt des jeweiligen teilnehmenden Landes aus. Somit werden individuelle Projekte, aber auch Einzelpersonen für große sprachliche Fortschritte, oder die engagiertesten Sprachlehrenden ausgezeichnet.

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Syntaflake, Esperanto & Co - Eine Einheitssprache als Lösung der Probleme?

Genug Lob an dieser Stelle. Trotz der ganzen Vorteile lassen sich die immensen Nachteile, wie die erschwerte Bürokratie, nicht ignorieren. Wäre die Einführung einer Einheitssprache, zur Stärkung der gemeinsamen europäischen Kultur, da nicht ein sinnvoller und progressiver Schritt?

Englisch ist für Muttersprachler, die der indoeuropäischen Sprachfamilie angehören, relativ leicht zu lernen, weil diese mit den Strukturen und Eigenschaften der indogermanischen Sprachen vertraut sind. In Europa sind neben den Indogermanischen auch Turksprachen, Baskische und Finno-ugrische Sprachfamilien vertreten. Demnach wäre es schlichtweg diskriminierend Englisch als Universalsprache festzulegen. Zu den Vorschlägen gehören Plansprachen wie Esperanto, Syntaflake oder Interlingua. Diese Sprachen zeichnen sich durch eine leichte Erlernbarkeit, Neutralität und Einheitlichkeit aus. Außer Esperanto, welches derzeit in ca. 120 Ländern gesprochen wird, konnte sich jedoch keine dieser künstlichen Sprachen wirklich durchsetzen.

Sprachbarrieren als Hemmnis der innereuropäischen Integration

Stellt die Sprachdiversität eine Blockade für gemeinsames Handeln dar? Verhindert sie womöglich eine gemeinsame, einheitliche europäische Kultur? Wenn man sich die Vereinigten Staaten von Amerika anschaut, wird klar, dass dies nicht der Fall ist. Mit 50 Staaten ist die USA nicht nur flächenmäßig mehr als doppelt so groß wie Europa, sondern weist weither mehr Diversität auf als Europa. 50 Staaten bedeuten Kulturunterschiede. Zwar sind die Vereinigten Staaten in der Sprache geeint, jedoch sind die Staaten das wohl beste Beispiel, dass eine einheitliche Sprache keine kulturelle Anpassung bedeutet. Die Frage ist, ob wir eine vollständige Vereinheitlichung überhaupt wollen. Gemeinsames Handeln ist erstrebenswert, aber komplette Anpassung und Vereinheitlichung kann nicht das Ziel sein. Diversität ist, was Europa auszeichnet.

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Europa ist kein Schmelztiegel

Mit der Förderung der Sprachvielfalt in der Europäischen Union unterstützt die EU nicht nur die Integration der verschiedenen Kulturen, sondern auch den friedlichen Zusammenhalt. Dass es Spannungen gibt, ist normal und auch gewollt. Denn diese fördern den Dialog und somit wird zugleich die Ansicht von Welt und Wirklichkeit gefördert. Wilhelm von Humboldt bezeichnete Sprache als Ausdruck der Verschiedenheit des Denkens und genau das ist es, wovon die Europäische Union jeden Tag profitiert. Durch die Sprachvielfalt werden fremde Ideen vertraut und interkultureller Reichtum gewonnen. Weiterhin schafft die zwar aufwendige Bürokratie jedoch eindeutige Klarheit bei EU Direktiven, da diese in jeder Landessprache vorliegen. Mit Einheitssprachen geht immer die Gefahr von Einfältigkeit einher. Europa in seiner kulturellen und sprachlichen Diversität ist einzigartig. Deshalb sollte Europa nicht als Schmelztiegel fundieren. Sprache als kulturelles Erbe und Reichtum muss geschätzt und geschützt werden. Die Aufgabe der EU wird es bleiben Wege zu finden, diese Vielfalt in Einigkeit zu bewahren, Dialoge zu fördern und weiterhin gemeinsames Handeln zu ermöglichen.