Dass uns Auslandserfahrungen verändern ist ein bekanntes Phänomen. Neuere Studien zeigen jedoch, dass Sprache dabei eine nicht zu verachtende Rolle spielt. Forscher vermuten, dass wir unterschiedliche Charakterzüge aufweisen, je nachdem welche Sprache wir gerade sprechen. Im Alltag lässt sich dieses Phänomen häufig beobachten. Im Englischen nutzen wir eine andere Tonlage, als im Französischen oder im Deutschen. Aber auch Mimik und Gestik verändern sich. Wir verändern uns mit jeder Sprache, aber betrifft dies auch unsere Persönlichkeit?

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Kulturelle Erfahrungen beeinflussen unser Empfinden von Sprache - und uns selbst als Sprecher.

Forscher vermuteten einen direkten Zusammenhang zwischen Sprache und Charakter. Um dies zu beweisen, wurden unter der Leitung von Nairan Remírez-Esparza, von der Universität Connecticut, bilinguale US-Amerikaner mit mexikanischen Wurzeln studiert. In der Studie mussten die Probanden den sogenannten Big-Five-Test jeweils auf Spanisch und Englisch lösen. Anschließend hatte jeder Studienteilnehmende 15 Minuten Zeit sich in beiden Sprachen selbst zu beschreiben.

Der Big-Was?

Der Big-Five-Test, auch OCEAN-Modell genannt, findet Verwendung in der Persönlichkeitspsychologie. Mit Hilfe von Fragebögen werden 240 verschiedene Items mit einer fünfstufiger Likert-Skala beantwortet. Die zahlreichen Items-Fragen setzten sich aus allen fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit zusammen. Dadurch können Charakterzüge individuell ausgewertet und eingeschätzt werden.

Das OCEAN-Modell aus der Persönlichkeitspsychologie

Abgeleitet wurde dieses System vom lexikalischen Ansatz nach Louis Thurstone, Gordon Allport und Henry Sebastian Odbert. Der Ansatz vertritt die Auffassung, dass sich Persönlichkeitsmerkmale in der Sprache niederschlagen. Daher seien alle wesentlichen Unterschiede zwischen Personen bereits im Wörterbuch durch entsprechende Begriffe repräsentiert. Eine Faktorenanalyse wurde auf der Basis von Listen mit über 18.000 Wörtern durchgeführt. Das Ergebnis waren fünf sehr stabile, unabhängige und weitgehend kulturstabile Faktoren. Geboren war der Big-Five-Test.

Verändern wir uns mit jeder Sprache, die wir sprechen?

Die Ergebnisse der Studie unter der Leitung von Nairan Remírez-Esparzas waren wegweisend. Während die Teilnehmer auf Englisch zumeist über persönlichen Erfolg sprachen, konzentrierten sich die Probanden in der spanischen Version auf ihre familiären Wurzeln und Werte. Das Fazit des Big-Five-Tests stimmte mit dieser Tendenz überein. Im englischen Test erzielte die deutliche Mehrheit höhere Punktzahlen in den Bereichen Geselligkeit, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit, als im spanischen Äquivalent. Als einen möglichen Grund, wird die amerikanische und englischsprachige Kultur genannt, in der es traditionell von größerer Bedeutung ist, durchsetzungsfähig, erfolgreich und, zumindest oberflächlich, freundlich zu sein. Passt der Mensch sich also mit der Nutzung gewisser Sprachen einer Kultur und ihren Werten an?

Die Studie bekräftigt diesen Eindruck. Der einzelne kann eine Sprache nicht von kulturellen Werten trennen, die diese mit sich bringt. Wenn wir Franzosen für smart und elegant halten, dann ist es wahrscheinlich, dass wir dieses Gefühl auf uns als Französischsprecher übertragen. Das liegt an dem einfachen Grund, dass wir Menschen uns über Kultur definieren und Sprache formt, wenn auch unbewusst, die fundamentalen Werte einer Kultur.

Sprache beeinflusst unsere Sicht auf die Welt – und auf uns selbst

Nairan Ramírez-Esparza teilt diese Ansicht. Ihrer Meinung nach ist eine Trennung von Sprache und kulturellen Werten unmöglich, da wir uns selbst in diesen Werten wiederfinden. Eine besondere Ausprägung findet man bei bilingualen Menschen, die sehr oft ohnehin mit mehreren Kulturen aufwachsen. Ein weiterer zu beachtender Grund ist außerdem unsere Umwelt. Diese reagiert anders auf uns, je nachdem in welcher Sprache wir uns unterhalten. Das liegt daran, dass unsere Identität nicht nur auf unserer eigenen Selbsteinschätzung beruhe, sondern auch darauf, wie wir denken, dass uns andere Menschen wahrnehmen, sagt Carolin McKinney, Professorin für Literaturwissenschaften an der Universität Kapstadt. Einen Vortrag in unserer Muttersprache zu halten wird uns einfacher von der Hand gehen, als in einer uns fremden Sprache. In der Muttersprache hingegen sind wir selbstbewusst. Einen Vortrag selbstsicher auf Französisch zu halten, ist wiederum eine andere Geschichte. Mit schlechteren Sprachkenntnissen ist auch größere Unsicherheit verbunden, die man schnell mit der Fremdsprache selbst verbindet. Es geht also um soziale und gesellschaftliche Erfahrungen, die wir mit einer neuen Sprache machen. Bonny Norton, Professor für Sprache und Literatur an der British Columbia Universität, bezeichnet den Moment in dem wir mit jemandem sprechen, sogar als eine konstante Identitätsverhandlung.

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Die entscheidende Kombination

Eine weiteres, wichtiges Studienergebnis ist, dass Ramírez-Esparza und ihre Studienkollegen zum Entschluss kamen, dass die eigene Prägung durch eine Sprache davon abhängt, in welchem Rahmen wir sie erlernt haben. Nach einem Sprachkurs in London haben wir mit großer Wahrscheinlichkeit ganz andere Erfahrungen, als nach einem Kurs in der städtischen Volkshochschule. Die kulturellen Erfahrungen, die man während eines Kurses in dem Land macht, beeinflussen unser Bild einer Sprache erheblich – und dadurch auch uns. Sie bilden und formen unsere neue, kulturelle Identität in dieser Fremdsprache. Dagegen ist es weniger wahrscheinlich, dass wir die kulturellen Werte unseres Volkshochschullehrers mit der neuen Sprache verbinden. Die kulturelle Identität in der Fremdsprache bleibt unberührt. Das entscheidende Kriterium für die Ausbildung einer neuen Identität in der Fremdsprache ist also, wo und in welchem Umfeld man sie lernt.

Identitäten verborgen in uns

Es macht immer Sinn eine neue Sprache zu lernen. Besonders, wenn wir die Kultur, die sie nutzt, bewundern. Die unterschiedlichen Arten sie zu lernen, sei es durch Reisen, Filme oder dem Gespräch mit Muttersprachlern, beeinflussen unsere Sicht auf die Sprache automatisch. Denn die Wahrnehmung einer Kultur spiegelt sich immer in unserem Verhalten wider. Das können schlechte Erfahrungen sein, die man durch die Nutzung der jeweiligen Sprache erneut erlebt oder eben auch positive. Sprache lässt sich nicht von Kultur trennen und die Kultur nicht von unserer (sprachlichen) Identität.

Jean-Marc Dewaele, Professor für angewandte Linguistik an der University of London, bezeichnet Sprache außerdem als Möglichkeit verschiedene Versionen von sich selbst auszuprobieren. Laut ihm können “Sprachen [...] wie Masken sein”.

Wer weiß, vielleicht sind unsere Persönlichkeiten noch viel vielfältiger, als wir wissen. Wenn man eine neue Sprache erlernt, studiert man nicht bloß Vokabeln und Grammatik, es eröffnet einem die Chance einen ganz neuen Teil der eigenen Identität zu entdecken.