Lange Zeit nahmen Linguisten an, dass die Sprache mit dem ein Mensch aufwächst, fest verankert in einem sei. Doch seit längerem herrscht diesbezüglich eine Kontroverse. Fakt ist, dass manche Menschen ihre Muttersprache jahrzehntelang vernachlässigen, und trotzdem ohne Probleme wieder einsteigen können. Während andere schon nach kurzer Zeit Probleme beim Sprechen der alten Sprache bekommen. Kann es überhaupt zu einer Erosion, also zum vollständigen Vergessen, der Muttersprache kommen?

Der britische Autor Alexander McCall Smith vergleicht das Vergessen der Muttersprache mit dem Verlust der Mutter

Was ist eine Erosion?

Eine Erosion bezeichnet den Verlust lexikalischen Inhalts aufgrund zweier aufeinander wirkenden Sprachsystemen. Einfacher gesagt, das Vergessen von einer Sprache durch die Verdrängung durch eine andere. Die sprachliche Erosion, auch Attrition genannt, kann so weit voranschreiten, dass es zum völligen Schwund der eigenen Muttersprache kommt. Manche Sprachwissenschaftler gehen so weit, dass sie das Vergessen einer Sprache, als Voraussetzung für die Perfektionierung einer anderen halten. Von sprachlicher Erosion sind üblicherweise Menschen betroffen, die in jungen Jahren migriert sind und als Folge daraus wenig Kontakt mit der ursprünglichen Muttersprache haben. Aber auch ältere Menschen können betroffen sein. Die Folgen sind meist ähnlich. Sie können von neurologischer, soziologischer oder sogar von psychologischer Natur sein. Der britische Autor Alexander McCall Smith bezeichnet das Vergessen einer Sprache als einen großen Verlust. So sei der Prozess ähnlichem dem "als würde man die eigene Mutter vergessen" und mit großer Trauer verbunden. Neben den Worten verliere man auch eine ganze Heimat, so McCall Smith.

Sprachen sind nicht statisch - sie fließen

Da der Verfall von Sprache genauso verschieden ist, wie der Erwerb derer, macht es Sinn, einen Blick auf den Spracherwerb selbst zu werfen. Bei jedem Mensch findet eine Art Sprachaufbau statt. In der Regel dauert dieser an, bis ein Mensch das zwölfte Lebensjahr vollendet hat. Das heißt folglich, dass wenn ein Mensch in jungen Jahren migriert, die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass dessen Spracherwerbsphase noch nicht abgeschlossen ist. Dementsprechend besteht die Gefahr für Spracherosion. Doch es gibt auch Ausnahmefälle. Bilingual erzogene Kinder oder Übersetzer beispielsweise. Sie beweisen, dass es möglich ist, mehrere Sprachen auf ähnlich hohem Niveau zu beherrschen. Außerdem lassen sich bei ihnen auf den ersten Blick keine Symptome sprachlicher Erosion feststellen - wie ist das zu erklären?

Wenn ein Mensch sich dazu entschließt eine neue Sprache zu erlernen, nachdem er das zwölfte Lebensjahr abgeschlossen hat, müssen für den sprachlichen Fortschritt Grammatik und Vokabeln mühevoll gepaukt werden. Den Akzent jedoch, werden die meisten Menschen nicht los. Das liegt daran, dass das Gehirn plastisch aufgebaut ist. Auch die Muttersprache bleibt hiervon nicht verschont. Wenn wir Englisch sprechen, hört man, dass wir Deutsch sind, aber wenn wir Deutsch sprechen, hört man auch Englisch. Genau da liegt das Problem. Sprache ist keine abgegrenzte Einheit. Sprache ist fließend.

Von Code-Switching und Sprachalternation

Codeswitching, auch bekannt als Sprachwechsel oder Sprachalternation, ist ein allgemeines Phänomen, dass beim Gebrauch von mehreren Sprachen in Äußerungen oder Gesprächen auftritt. Ein Sprecher wechselt dabei von einer Sprache in eine andere. Die Bezeichnung selbst geht auf Roman Jakobson zurück, der Codes als Sprachsystem des Sprechers bezeichnete, welches von Zuhörern entschlüsselt werden müsse. Sprachalternation kann sogar intersential, dass heißt innerhalb von Sätzen vorkommen. Ausgelöst durch Trigger oder veränderte Sprechsituationen, hat das Code Switching vor allem sozialen Funktionen. Dies können veränderte Gesprächsthemen oder -partner, aber auch außersprachliche oder extralinguistische Faktoren sein.

Wie wird Sprache also konkret vergessen?

Sprache ist lebendig. Wir nutzen sie im Alltag um mit Mitmenschen zu kommunizieren und in der Welt zu agieren. Weiterhin ist Sprache im Gedächtnis beheimatet und in unserem Wesen. Wir lernen sie vor allem aus emotionalen Motiven. Diese können so stark sein, dass sie die Dominanz der Muttersprache aushebeln. Wie kann man sich diesen Prozess vorstellen?

Fremdsprache wird durch unsere Muttersprache erlernt. Durch dieses, uns bekannte Sprachsystem, ist das uns fremde System um einiges zugänglicher. Wir beobachten Unterschiede, Gemeinsamkeiten und tasten uns dadurch Schritt für Schritt an die neue Sprache heran. Jedoch kann bei diesem Prozess die Muttersprache dazwischenfunken. Dadurch entstehen abenteuerliche Kombinationen "Sollen wir für ein Bier gehen" - englische Grammatik benutzt im Deutschen, ist nur ein Beispiel. Auch Personen der Öffentlichkeit sind vor diesem Phänomen nicht sicher. Günther Oettinger, EU-Kommissar, erlangte Aufmerksamkeit für seine Aussage "Everything hangs together". Das Dazwischenfunken von Muttersprache kann nicht bewusst abgestellt werden, deshalb kann man Nichtmuttersprachler meist an typischen, kleinen Fehlern erkennen, die bei der Übertragung in ein anderes Sprachsystems passieren. Sprachen sind immer Systeme in unseren Köpfen. Bei bilingualen und multilingualen Menschen trainieren also immer mehr Systeme im Gehirn zur gleichen Zeit. Ein System dominiert jedoch immer. Auch bei bilingualen Personen oder Übersetzern. Das andere, nicht dominante System, versinkt in den Tiefen des Gehirns und es wird immer anstrengender, die alte Sprache zu nutzen. Das Resultat ist, dass der betroffene Mensch sich mehr und mehr auf das ihm dominierende Sprachsystem konzentriert. Das Vergessen der Muttersprache beginnt.

Emotionale Gründe sorgen für den vollständigen Verlust

Um die Wirkung emotionaler Gründe auf die Erosion von Muttersprache zu untersuchen, analysierte Monika Schmid, Linguistin an der Universität Essex, die Deutschkenntnisse von älteren, deutsch-jüdischen Kriegsgeflüchteten. Schmid teilte dafür die Probanden in zwei Gruppen auf. Die erste Gruppe waren Geflüchtete, die Deutschland verließen kurz nachdem 1933 das Naziregime die Macht erlangt hatte, wohingegen die zweite Gruppe aus Menschen bestand, die länger in Deutschland blieben und erst nach der Reichspogromnacht 1938 flohen. Ihre Studien legten wichtige Grundsteine für die weitere Erforschung der Spracherosion. Die erste Gruppe wies ein deutlich besser konserviertes Sprachvermögen auf, als die Zweite. Dementsprechend war der größte Faktor wie groß das eigene Trauma war und nicht etwa Alter oder Dauer der Abwesenheit. Ein trauriger Meilenstein in der Erforschung der Spracherosion.

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Das vollständige Vergessen bleibt Ausnahme

Zur vollständigen Erforschung von Spracherosion, dem Vergessen von Sprache, bedarf es weiterer Forschung. Viele Fragen sind noch offen. Denn die Wissenschaft kann bis heute nicht gänzlich erklären warum, wann und wie wir unsere eigene Muttersprache vergessen. Auch die Auswirkungen bedürfen weiterer Erkundung. Fakt ist jedoch, dass jeder Mensch, der eine Zweitsprache lernt, betroffen sein kann. Emotionale Gründe bleiben der größte Faktor. Sprache ist eben auch Erinnerung. Dies können positive Erinnerungen sein, wie Heimat, Familie, oder Kindheit, aber eben auch negative, belastende, und traumatische. Das Vergessen von Muttersprache ist möglich, bleibt jedoch eine tragische Ausnahme. Aharon Appelfeld, als 8-Jähriger von Antisemiten von den Eltern getrennt und aus Deutschland geflohen, stellt fest: "Ein Mann, der seine Muttersprache verliert, ist krank für den Rest des Lebens".