— Auch Schweinsohren können zuckersüß sein!

Eine Abneigung hegte beinahe jeder gegen sie und wohl kaum einer pflegte sie — den Klassiker: Vokabelhefte. Schade, dass wir den Wert dieser Methodik zur Wortschatzerweiterung zum Zeitpunkt unserer schulischen Ausbildung damals noch nicht so ernst genommen haben. Jetzt denken viele vielleicht anders darüber. Bei der Fülle an Texten und Themen, mit denen wir als Übersetzer und Sprachwissenschaftler tagein tagaus konfrontiert werden, stoßen wir immer wieder aufs Neue auf Wörter, Satzkonstruktionen und Phrasen, die wir nicht kennen, gar noch nie gehört haben oder doch schon einmal gehört haben — ihre Bedeutung jedoch nicht mehr aus dem Gedächtnis abrufen können. Ganz schön deprimierend.

selective focus photography of white pig
Photo by Adrian Infernus / Unsplash

Hätte man damals doch besser aufgepasst und schon früh damit begonnen Vokabeln zu lernen. Damals lief das so ab: durchgelesen, Hand drauf gelegt — rechts oder links — und die jeweils andere Seite rekapituliert. Gut, heute wissen wir: Das war wenig effektiv. Gab aber ein gutes Gefühl. Problematisch ist diese Methodik schon. Denn: Ein „Schweinsohr“ kann durchaus fleischhaltig (vom Schwein eben) oder vegetarisch (eine Pilzart) oder aber auch zuckersüß (ein Blätterteiggebäck) sein; eine „Mutter“ kann eine enge Verwandte sein oder im Keller im Werkzeugkasten verstaut liegen und einen „Pickel“ hat man besser nur im Gesicht, wenn er eine Hautunreinheit meint …Der eigentliche Punkt ist: Aufschreiben lohnt! Hier geht es allerdings um das WIE. Die Antwort lautet: mit Struktur. Und diese Struktur erhält man nur durch das Anlegen eines Glossars.

“Ordnung braucht nur der Dumme, das Genie beherrscht das Chaos.”

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Ein Glossar lässt sich sowohl in einer als auch in mehreren Sprachen anlegen. Es handelt sich dabei um eine Sammlung von Begriffen, die in alphabetischer Reihenfolge einem Oberbegriff zugeordnet sind. Ihre Bedeutung wird jeweils einzeln erläutert, außerdem wird jeder Begriff eingeordnet, nach Numerus/Genus und Wortart. In der Übersetzungsbranche ist es ist obendrein sinnvoll besondere Eigenschaften des Wortes zu nennen wie beispielsweise „no plural“ oder Ähnliches. Und: Die Quellenangabe sollte nicht vergessen werden. So kann bei Unklarheiten oder Unsicherheiten das Wort noch einmal geprüft werden. Das scheint zunächst furchtbar zeitaufwendig — ist es auch — auf lange Sicht jedoch erspart ein Glossar eine Menge Arbeit und Zeit.
Ein Beispiel: Ich als Übersetzer/Übersetzerin erhalte den Auftrag, eine wissenschaftliche Arbeit aus dem medizinischen Bereich zu übersetzen. Darin werden beispielsweise einige Tests durchgeführt, bestimmte Verfahren angewendet, etc. Daraufhin lege ich ein Glossar an, beispielsweise mit einem ganz allgemeinen Titel „Medizinische Testverfahren“ oder einem spezifischeren Fokus wie „Herz-Kreislauf-Krankheiten“ — dies ist dem Übersetzer selbst überlassen — wie gesagt, „das Genie beherrscht das Chaos“ …

Einige Wochen später dann kommt ein neuer Auftrag ein — dieses Mal handelt es sich um einen Patientenbrief. Der Patient leidet an einer Herz-Kreislauf-Störung. Jackpot! — in gewisser Hinsicht. Das mühevoll angelegte Glossar kann in diesem Fall wunderbar genutzt und der Auftrag wesentlich schneller abgewickelt werden — Fachbegriffe sind bereits übersetzt und können übernommen werden, dank der Erläuterungen der einzelnen Begriffe wird der Text (schneller und besser) verständlich und Unsicherheiten aufgrund von Mehrdeutigkeiten eines Begriffs können ausgeschlossen werden: Wenn dann vom OP-Besteck geredet wird, weist spätestens das Glossar daraufhin, dass es sich dabei nicht um das klassische Trio Messer, Gabel und Löffel handelt.

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Photo by Debby Hudson / Unsplash

Hat man erst einmal ein Glossar zu einem bestimmten Thema angelegt, kann — und sollte — es regelmäßig erweitert werden. Und dies gut und gerne zu jedem x-beliebigen Thema — irgendwann begegnen einem die Begriffe dann doch wieder. Und wir erinnern uns: Die maschinelle Übersetzung funktioniert auch nicht anders! Das TMS arbeitet ebenfalls unter dem Vorwand Übersetzungsaufträge schneller zu bearbeiten und — ein weiterer wichtiger Punkt auch im Hinblick auf ein Glossar — den übersetzten Text konsistent zu halten — formal und in Bezug auf die Begriffe. Ein guter Tipp ist die (seriöse) Tages- oder Wochenzeitung oder ein Fachmagazin als ständiger „Input“ für die eigenen Glossare: Beim Lesen stößt man doch öfter mal über Begriffe, die man nicht kennt oder nicht zuordnen kann — es hilft sie dann kategorisieren, nachzuschlagen und mit Erläuterung in ein Glossar einzufügen. Dies führt ebenfalls dazu, dass die verwendeten Begriffe zum aktuell gängigen Fachjargon gehören.
Zum Abschluss dieser kleinen Lobrede an das Glossar bleibt also nur noch der Zeitaufwand als kleinster kritischer Punkt — der Mehrwert eines solchen Wissensspeichers ist jedoch enorm und lässt das Übel der anfänglichen Mühe schnell vergessen.

Los geht’s also, liebe Übersetzer-Kolleginnen und Kollegen! 
— Auf zum Bäcker, ein Schweinsohr besorgen und dann an den Schreibtisch ein neues Glossar anlegen: Wer von Euch hat den Begriff TMS bereits in sein Glossar aufgenommen?