Die meisten Bewohner der Europäischen Union sprechen mindestens zwei Sprachen. 13,3 % von ihnen deutsch. Aber wie viele Sprachen sprechen die Bewohner der einzelnen Länder? Vergleichen Sie Ihre Sprachfähigkeiten mit denen Ihrer Nachbarn in unserer interaktiven Europakarte!

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Sprachenvielfalt in der EU

Die Europäische Union betrachtet Sprache als Bestandteil der Identität und Kultur und hat deshalb die Achtung der Sprachenvielfalt als Grundwert festgelegt. Sie vertritt den Standpunkt, dass es sowohl für Bürger, als auch für Organisationen und Unternehmen von elementarer Bedeutung ist, in anderen Sprachen kommunizieren zu können und fördert deshalb das Lernen von Fremdsprachen mit speziellen Programmen. Im November 2017 hat die EU Kommission außerdem festgelegt, dass bis 2025 jeder Bürger der europäischen Union, neben seiner eigenen Muttersprache, zwei weitere Fremdsprachen beherrschen soll. Ein mutiges Ziel. Doch wie sieht die Lage im Moment aus?

Was macht eine Fremdsprache aus?

Die Daten beruhen auf einer Studie des statistischen Amtes der Europäischen Union (Eurostat) zur “Foreign language skill statistics”. Alle Teilnehmer waren, zur Zeit der Befragung, im Alter zwischen 25 und 64 Jahren. In der Studie wurde die Muttersprache als Sprache definiert, mit der die Teilnehmer in ihrer Kindheit größtenteils aufwuchsen. Dass das nicht immer alle Amtssprachen des Landes sein müssen, macht Belgien als Beispiel deutlich. Teilnehmer aus dieser Region, in der es drei offizielle Amtssprachen gibt, gaben also immer nur die dominant gesprochene Sprache ihrer Kindheit als Muttersprache an.

Wie viele Sprachen spricht Europa?

Die erfreuliche Nachricht zuerst: der durchschnittliche Europäer beherrscht mehr als nur seine eigene Muttersprache. Die schlechte: der durchschnittliche Wert liegt bei 2,32 gesprochenen Sprachen pro Einwohner. Die EU ist damit im Schnitt fast eine ganze Sprache pro Land von ihrem Ziel entfernt. Positiv fallen jedoch vor allem die nordischen und baltischen Länder, sowie Luxemburg und Malta auf. Über 90 % ihrer Bevölkerung sprechen mindestens eine Fremdsprache. Auch gibt es Länder, die das Ziel der EU bereits erreicht haben. Dies sind Finnland und Luxemburg. Weiterhin liegen 15 Länder über dem europäischen Durchschnitt, und nur zehn Länder darunter.

Für Irland existieren leider keine Daten.

Die interaktive Karte bietet Ihnen die Möglichkeit über die Länder zu hovern. In die Werte ist jeweils die Muttersprache des Landes eingerechnet (Bsp.: Polen = 1,91 = 0,91 Fremdsprachen pro Einwohner). Wie steht es um Ihre Sprachkenntnisse im direkten Vergleich mit Ihren Nachbarn?

Weibliche EU-Bewohner sprechen mehr Fremdsprachen

Ein Drittel aller Bewohner der Europäischen Union beherrschen nur die Muttersprache (35,4 %), während jedoch etwa genauso viele Europäer mindestens eine Fremdsprache sprechen. Nur ein Fünftel beherrscht zwei Fremdsprachen und nur 8,4 % können sich Polyglot nennen, beherrschen also 3 oder mehr Fremdsprachen. Die Befragung stellte außerdem Unterschiede zwischen Frauen und Männern fest. 2 % mehr Männer als Frauen sprechen nur die Muttersprache (36,1 %). Außerdem sprechen Frauen im Schnitt mehr Sprachen als Männer insgesamt. 22,1 % (vs. 19,9%)  der Frauen in der EU sprechen mindestens eine Fremdsprache und 8,9 % (vs. 7,9 %) sogar zwei. Auffällig außerdem: ca. 9 von 10 Menschen in den nordischen und baltischen Mitgliedstaaten sowie Luxemburg und Malta, beherrschen mindestens eine Fremdsprache.

Woran liegt das?

In Luxemburg ist das ausgeprägte Sprachvermögen vor allem damit zu begründen, dass das Land drei offizielle Amtssprachen besitzt. Außerdem setzt das Land auf eine frühe Sprachförderung. Im luxemburgischen Bildungssystem werden Kinder auf luxemburgisch, deutsch, französisch, und englisch unterrichtet. Das Land profitiert weiterhin von der geographischen Lage und den zahlreichen ausländischen Arbeitnehmern. Die Einwohner der nordischen und baltischen Länder beherrschen weiterhin oftmals die Sprache ihrer Nachbarn, was die bemerkenswerten Sprachkenntnisse in diesen Gebieten erklärt.

Die Länder, die unter dem europäischen Schnitt liegen, weisen oft eine große Diskrepanz in der Sprachbeherrschung zwischen Jung und Alt auf.

Generationsunterschiede

Generationsunterschiede machen sich in der Studie bemerkbar. Während 75 % der 25 bis 34-Jährigen mindestens zwei Sprachen beherrschen, sind es in der Gruppe der 55 bis 64-Jährigen nur 55 %. Die größte Ambivalenz weist Griechenland auf. knapp 89 % der jüngeren Generation sprechen mindestens eine Fremdsprache, während nur 40 % der Älteren dies tut. Bemerkenswert sind auch hier wieder die nordischen und baltischen Länder. Bei ihnen lässt sich keine altersspezifische Diskrepanz feststellen.

Erfreuliche Tendenzen und das Vereinigte Königreich

Erfreulicherweise zeigt die Studie eine klare Tendenz: Immer mehr Menschen sprechen immer mehr Sprachen. Doch einen Ausreißer gibt es: das Vereinigte Königreich. Eigentlich wie immer - doch Spaß beiseite. Das Land im Nordwesten Europas weist eine traurige Tendenz auf. Während 2007 nur 35 % der Einwohner einzig und allein die Muttersprache beherrschten, sind es heute etwas mehr als 64 %. Die Zahl der Briten, die mindestens eine Fremdsprache spricht entwickelt sich ähnlich negativ. 2007 waren dies noch knapp 66 %, während heutzutage nur noch jeder Fünfte eine Fremdsprache spricht. Ein historisches Tief und einsamer Spitzenreiter in der EU... und vielleicht ein verkannter Frühwarnindikator.

Was bringt die Zukunft?

Das Ziel 2025 den aktuellen Wert von 2,32 Sprachen pro EU-Einwohner auf 3,0 zu bringen ist optimistisch und wird viel Arbeit in Anspruch nehmen. Eine große Anzahl an Länder (Belgien, Dänemark, Estland, Finnland, Luxemburg, Malta, die Niederlande, Slowakei, Slowenien, oder Schweden) sind diesem Ziel schon sehr nahe, bzw. haben es schon erreicht. Es wird die Aufgabe der EU sein eine Strategie zu entwickeln, um Ländern wie Ungarn, dem Vereinigten Königreich, oder Bulgarien dabei zu helfen, die Sprachfähigkeiten der Bewohner auszubauen. Das scheint momentan, bis auf einen großen Ausreißer, auch gut zu funktionieren. Bleibt abzuwarten, wie die Zahlen sich bis zur nächsten Befragung verändern. Mit dieser dürfte ca. 2021 zu rechnen sein.