Eine zweite Sprache zu sprechen, bedeutet eine zweite Persönlichkeit zu haben … oder nicht?


Eine andere Sprache zu können, ist wie eine zweite Seele zu besitzen.“ – Karl der Große

Dieses Zitat wird fast genauso oft kritisiert, wie es auch zitiert wird. Viele stimmen im Hinblick auf eine erweiterte (oder vielleicht sogar andere) Persönlichkeit zu, aber die weitergehende Interpretation im Hinblick auf eine zweite Seele wird oft abgelehnt.

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Was meinte Karl der Große damit überhaupt? Interpretiert wird seine Aussage so, dass man sich in einer anderen Sprache ganz anders ausdrücken kann als in seiner Muttersprache, und somit durch ein völlig neues Weltbild sozusagen eine weitere Seele entwickelt. Dinge, die sich auf Deutsch zum Beispiel kaum in Worte fassen lassen, fallen vielen auf Englisch leichter – andersherum gilt dies aber auch, da Begriffe wie “Wanderlust”, “Weltschmerz” oder “Schadenfreude” nur im Deutschen existieren. Durch diese völlig anderen Ausdrücke in anderen Sprachen lassen sich also ganz andere Gedanken formulieren und als Schlussfolgerung daraus denken die Sprecher dieser Sprachen auch anders. Dies bedeutet zudem, dass wir als Sprecher mehrerer Sprachen viel mehr in den Kulturkreis der jeweiligen Sprache eindringen. Sprachen basieren schließlich auf Konventionen (“Tisch” heißt nicht “Tisch”, weil er eben ein “Tisch” ist, sondern weil ihn jemand als dieses bezeichnet hat), und diese Konventionen vermitteln ein vermeintlich tieferes Verständnis von Traditionen – was die Existenz von Wörtern wie “Weltschmerz” dabei über Deutschland aussagt, dürfen Sie sich gerne selbst ausmalen. Über diesen Punkt lässt sich streiten, und viele tun genau das auch – aber dass man in einer anderen Sprache eine leicht veränderte Persönlichkeit haben kann, ist bewiesen.
Außerdem ist Karl der Große nicht der erste oder der einzige, der eine derartige Aussage gemacht hat: “Eine andere Sprache ist wie eine andere Sicht auf das Leben“ sagte zum Beispiel auch der Filmproduzent Federico Fellini.

Studien konnten unter anderem schon zeigen, dass die Sprache die wir sprechen und die Herkunft unserer Gesprächspartner einen Einfluss darauf haben, wie wir im Gespräch wahrgenommen werden. Diese Wahrnehmung wird aber auch durch uns selbst (den Sprecher) aktiv beeinflusst, denn laut der Verhaltensforschung versuchen wir uns dem kulturellen Hintergrund unseres Gesprächspartners anzunähern. Das führt zum Beispiel dazu, dass wir uns mit Chinesen völlig anders unterhalten als mit Amerikanern. Laut Studien wird die chinesische Sprache mit Zurückhaltung assoziiert, während Sprecher der englischen Sprache als extrovertiert gelten.

Vielleicht ist Ihnen dies bei sich selbst schon einmal aufgefallen. Sprechen Sie im Dialog mit amerikanischen Freunden oder Geschäftspartnern schneller und höher? Verhalten Sie sich ruhiger, wenn Sie sich mit Chinesen unterhalten? Gestikulieren Sie mehr, wenn Sie Italienisch sprechen? So geht es einem großen Teil der Sprecher dieser Sprachen, je nachdem wie gut sie sich im Kulturkreis des jeweiligen Landes auskennen. Wenn man zum Beispiel eine Zeit lang im Ausland gelebt hat, wird dieser Effekt natürlich weitaus stärker ausfallen, als wenn man die anderen Kulturen nur aus sporadischem Kontakt innerhalb des Heimatlandes kennt. Aber keine Sorge – das heißt nicht, dass Sie plötzlich zu einem anderen Menschen werden, nur weil Sie eine andere Sprache sprechen. Sie passen sich vielmehr dem Ton der Fremdsprache und der fremden Kultur an, und werden damit bei Ihrem Gegenüber einen guten Eindruck hinterlassen. Dies passiert generell ganz unbewusst – und umso interessanter sind natürlich die Ergebnisse derartiger Studien.

Achten Sie doch beim nächsten Gespräch einmal selbst darauf – und erschrecken Sie sich nicht zu sehr, wenn Ihnen plötzlich auffällt, dass Sie sich tatsächlich anders verhalten.