Vom Aussterben bedroht oder doch nur von der Digitalen Revolution verändert?

Sämtliche Mitglieder der Übersetzungsbranche müssen sich immer wieder anhören, dass der Übersetzerberuf kurz vor seinem finalen Todesstoß steht. Der Prozess des langsamen Aussterbens hat vermeintlich schon vor Jahren begonnen. Übersetzer selbst werden mitleidig betrachtet oder ihre Berufswahl wird offen hinterfragt, während Menschen auf der technischen Seite der Branche beschuldigt werden, den Beruf aktiv zu zerstören.

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Diese Befürchtungen und Vorurteile sind aber nicht immer berechtigt. Tatsächlich deutet alles darauf hin, dass Übersetzer nicht aussterben, sondern sich immer weiter entwickeln - wie auch viele andere Berufsgruppen dies in Zeiten des rasanten technischen Fortschritts tun müssen. Seit der industriellen Revolution ist die menschliche Angst, von Maschinen ersetzt zu werden, nicht abgerissen, sondern hat sich nur immer wieder verändert und sich auf neue vermeintliche Gefahren konzentriert.

Was wäre aber, wenn ich Ihnen sage, dass Übersetzer sich den veränderten Bedingungen erfolgreich anpassen, und absolut nicht vom Aussterben bedroht sind?

Die Content-Eskalation

Die Massen an täglich neu generiertem Content machen es menschlichen Übersetzern längst unmöglich, mitzuhalten. Bis 2025 werden wir laut Schätzungen 163 Zettabyte Datenvolumen erreicht haben. Zum Vergleich: 1956 gab es nur 5 Megabyte Datenvolumen. Das entspricht etwa den gesammelten Werken von William Shakespeare. Das ist zwar ziemlich viel Lesestoff für einen Menschen, aber nicht viele Daten für einen Computer. Bis 2016 hatte die Menschheit dann schon 16 Zettabyte erreicht, aber die Content-Produktion steigt rasant weiter und wird bis 2025 die bereits erwähnten 163 Zettabyte erreichen (Quelle: Seagate). Zum Vergleich: Zu diesem Zeitpunkt lassen wir Shakespeares Werke weit hinter uns, denn 163 ZB entsprechen dem Volumen, welches man erreichen würde, wenn man die gesamte Netflix Film- und Serienauswahl 489 Millionen mal ansehen würde (Quelle: Seagate Infografik). Und der Übersetzungsmarkt wächst mit, denn Globalisierung und Internet sei dank, muss immer mehr von diesem Content in die verschiedensten Sprachen übersetzt werden. Was allerdings nicht so rasant ansteigt wie die Content-Menge, ist die Anzahl professioneller Übersetzer.

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Die Kooperation mit Machine Translation

Ein Feld in dem besonders viel zu übersetzendes Material entsteht, ist der Bereich der technischen Dokumentation. Die Terminologie in diesen Dokumenten muss extrem konsistent sein, da immer wieder dieselben Fachbegriffe im selben oder sehr ähnlichen Kontext auftauchen. Diese Begriffe sind extrem spezifisch, einerseits innerhalb der Branche, andererseits auch innerhalb einzelner Unternehmen. Eine Firma, die also spezielle technische Geräte herstellt (und von diesen gibt es vor allem hier in der Ingenieur-Nation Deutschland nicht gerade wenig) braucht also immer wieder sehr ähnliche Dokumente in vielen verschiedenen Sprachen. Hier eilen schon längst Translation Memories zur Hilfe, damit sich Übersetzer nicht all diese Begriffe merken oder jedes Mal aufs Neue eine Liste nach ihnen durchsuchen müssen. Aber auch Machine Translation wird immer zuverlässiger und kann Menschen gerade im technischen Bereich schon gut assistieren. Vor allem im Bereich der technischen Dokumentation wird schon länger mit der sogenannten PEMT(Post Editing of Machine Translation)-Methode gearbeitet. Unternehmen sparen Geld und die Übersetzer sparen viel Zeit, denn die maschinelle Übersetzung wird ihnen bereits fertig vorgelegt und muss nur noch ausgebessert werden. Dies gilt natürlich nicht für Bereiche wie Marketing, in denen Wortspiele, Anpassungen an die jeweilige Zielgruppe, und kulturelle Feinheiten beachtet werden müssen, und gilt genauso wenig für die Übersetzung von literarischen Werken, die ebenfalls nur von Menschen ausgeführt werden sollte. Aber gerade im Bereich der Technik, wo ein großer Teil der heutigen Massen an Dokumenten ihren Ursprung haben, kann Machine Translation hilfreich eingesetzt werden, sodass die Übersetzer Zeit haben, sich ausführlich den Texten zu widmen, die zur erfolgreichen Übersetzung wirklich menschliche Skills benötigen, statt sich mit immer wieder fast identischen technischen Dokumenten beschäftigen zu müssen. Außerdem bedeutet Machine Translation für Unternehmen, dass sie garantiert immer “jemanden” erreichen können, der Zeit hat ihnen bei der Übersetzung zu helfen, da menschliche Übersetzer mit speziellem technischen Sachverstand oft schon über Monate hinweg ausgebucht sind. Durch Bereiche wie diese gilt Post-Editing unter Übersetzern als wichtiger Skill. Webinare und andere Fortbildungen werden angeboten, damit man seinen Lebenslauf um diese Fähigkeit ergänzen kann - heutzutage ein klarer Vorteil in der Branche.

Das Internet

Für die meisten von uns ist das Internet längst kein #NEULAND mehr. Wir hatten mittlerweile genug Zeit, uns an das Internet und all seine positiven und negativen Nebenwirkungen zu gewöhnen. Was aber viele (unter anderem auch Übersetzer) in den letzten Jahren und Jahrzehnten zusätzlich tun mussten, war zu lernen, mit dem Internet zu arbeiten. Im Bereich von Übersetzungen geht es hierbei vor allem um Lokalisierung und Suchmaschinenoptimierung (SEO). Die Lokalisierung von Inhalten erfordert kulturelle Kenntnisse und sprachliches Feingefühl, aber auch das Beherrschen vieler vermeintlicher Kleinigkeiten, wie landesspezifischer Schreibweisen von Daten oder unterschiedlicher Maßeinheiten. Kann Machine Translation verschiedenen Content derart spezifisch auf Zielländer und Zielgruppen anpassen? Nein. Können Übersetzer das? Absolut!
Neben der Lokalisierung der stetig wachsenden Content-Massen im Internet gibt es dann auch noch den Bereich der SEO-Übersetzungen. Eine Website zum Beispiel kann nicht einfach so Wort für Wort übersetzt werden, sondern muss für jedes Zielland und die jeweilige dort relevante Suchmaschine neu optimiert werden. Kann Machine Translation das? Definitiv nicht. Können Übersetzer das? Ja, nur noch nicht genug von ihnen. Auch hier gibt es Fortbildungen, durch deren Absolvierung Übersetzer auf dem globalen Arbeitsmarkt extrem positiv hervorstechen können.

Tools

Übersetzer, Localization Manager und andere Leute aus der Branche werden an dieser Stelle schon genau wissen worum es geht, Außenstehenden jedoch ist oft gar nicht klar mit wie viel Technik Übersetzer sowieso schon längst Tag für Tag arbeiten. CAT(Computer Aided Translation)-Tools helfen Übersetzern bei jedem neuen Auftrag. Sie überprüfen Schreibweisen, kontrollieren die Konsistenz der Terminologie (längst unabdingbar vor allem bei technischen, wissenschaftlichen oder rechtlichen Dokumenten), ergänzen mehrfach im Text vorhandene Formulierungen von ganz allein, legen dabei nebenher ein Translation Memory für zukünftige Projekte an, und überprüfen den Wordcount um den Auftraggebern möglicherweise Rabatte aufgrund vieler Wiederholungen zu ermöglichen. Wenn all diese Funktionen durch Software schon längst zugänglich sind und von Übersetzern weltweit genutzt werden … warum dann die Angst vor noch ein klein bisschen mehr technischer Hilfestellung?

Fazit

Natürlich sind Übersetzer weiterhin Übersetzer, und werden dies auch voraussichtlich noch lange bleiben. Aber der Punkt ist, dass Übersetzer eben nicht mehr nur das sind. Sie werden immer mehr zu Internet-Kennern, Übersetzungstool-Mastern, SEO-Profis, Lokalisierungs-Spezialisten und nun eben auch zu Machine Translation-Teamplayern, die gegenüber den “Maschinen” auch in ferner Zukunft immer noch das letzte Wort behalten werden.