RIP Mandan, Wichita und Gugu Thaypan. Allein diese drei Sprachen sind zwischen Juli und Dezember 2016 ausgestorben. Von dem massenhaften Aussterben sind vor allem Minderheiten- und Regionalsprachen betroffen. Doch wie lassen sich Sprachen retten, die keine offiziellen Amtssprachen darstellen und, wenn überhaupt, nur von Minderheiten gesprochen werden?

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Walisisch, eine der Amtssprachen in Wales, gilt als potentiell gefährdet

46 Mio. Sprecher allein in Europa

Minderheiten- und Regionalsprachen sind in der EU Charta definiert als Sprachen, "die traditionell von einem Teil der Bevölkerung eines Staates verwendet werden, jedoch keine offizielle Staatssprache, Dialekte, Migrantensprachen oder künstlich geschaffene Sprachen sind“. Über 46 Mio. EU-Bürger sprechen mindestens eine dieser Sprachen. Damit stellen diese nicht nur einen wesentlichen Teil des mehrsprachigen Europas dar, sondern gehören auch zu den ältesten vertretenen Sprachen mit reicher kultureller, literarischer und volkstümlicher Tradition. Derweil warnt UNESCO, dass mindestens 128 dieser Sprachen vom konkreten Aussterben bedroht sind. Doch kann eine so große Diversität an Sprachen überhaupt gerettet werden?

Was sind Minderheiten-, Regional- bzw. aussterbende Sprachen überhaupt?

Minderheiten- bzw. Regionalsprachen, sind Sprachen, die aufgrund verschiedenster Gründe, wie zum Beispiel Bevölkerungsbewegungen oder Grenzveränderungen, entstehen. Den Zeitpunkt ihrer Entstehung zu ermitteln ist deshalb fast immer unmöglich. Das Europäische Parlament unterteilt diese Sprachen in vier Kategorien. Autochthone Sprachen enstehen an einem Ort und werden in Teilen eines Mitgliedsstaates gesprochen. Diese sind normalerweise durch ihre Zentrierung nicht vom Aussterben bedroht. In Europa existieren derweil mehr als 50 von ihnen. Interessanter wird es, wenn man autochthone und grenzüberschreitende Sprachen begutachtet. Diese Sprachen stellen keine offiziellen Amtssprachen dar und werden weiterhin auch in Teilen eines anderen Mitgliedsstaates gesprochen, zumeist im Grenzgebiet. Beispiele hierfür sind das Baskische in Frankreich und Nordsamisch in Schweden und Finnland. Grenzüberschreitende Sprachen sind noch stärker bedroht, indem sie ausschließlich von sprachlichen Minderheitsgruppen in mehreren Mitgliedsstaaten gesprochen werden. Zu den bedrohtesten Sprachen gehören jedoch wohl die nicht-territorial gebundenen Sprachen wie Romani oder Jiddisch. Diese werden nicht nur von sehr kleinen Minderheiten gesprochen, sondern sind zudem täglichen Diskriminierungen und Stigmatisierungen ausgesetzt.

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Gefährdete Sprachen in Europa

Romani, die Sprache der Sinti und Roman, welche mit Hindi und Urdu verwandt ist, steht unter der starken Beeinflussung durch Sprachen der Mehrheitsbevölkerung in Rumänien. Das hat zur Folge, dass das gesprochene Romani sich immer weiter verändert und oft ganz anders klingt, als das von Sinti und Roma gesprochene Romani. Die bereits angesprochenen Diskriminierungen und Benachteiligungen führen weiterhin dazu, dass wenn Romani erlernt wird, dies meistens nur noch als Zweit- oder Drittsprache geschieht, aus Angst weiteren Stigmatisierungen ausgesetzt zu sein.

UNESCO - 5 Grade der Gefährdung

Gefährdete Sprachen in Europa - Klassifiziert nach der UNESCO

Ob eine Sprache als gefährdet gilt, wird durch die UNESCO nach mehreren Kriterien beurteilt. Dazu gehören unter anderem die Anzahl der verbleibenden Sprecher und welche Generationen sie noch verwenden. Ebenfalls wird die persönliche Beziehung zu der Sprache beurteilt, also wann und in welchen Lebensbereichen die Sprache vorzufinden ist. Dieses kann in der Schule sein, jedoch auch bei der Arbeit sowie in privaten Lebensbereichen durch Geschichten und Sprichwörter. Wichtig weiterhin ist zudem, ob die Sprache ausschließlich mündlich existiert oder zudem auch schriftlich.

Die Rolle der EU - Maßnahmen, Ziele und Kritik

Doch was kann die Europäische Union gegen diese Form von Diskriminierung tun? Rechtlich fällt sprachliche Diskriminierung unter die Gleichbehandlungsrichtlinien der EU, die bei Verstoß zu Sanktionen verpflichten, die wirksam, verhältnismäßig, aber dennoch abschreckend sein sollten. Als aktive Maßnahmen zur Förderung dieser Minderheitensprachen wurden außerdem verschiedene Initiativen entwickelt. Unter anderem wurde 2001 zum Jahr der Sprachen erklärt, 2003 die Förderung des Sprachenlernens und der Sprachenvielfalt beschlossen und 2005, die bereits in dem vorherigen Artikel angesprochene, Rahmenstrategie für Mehrsprachigkeit "Einheit in Vielfalt" verabschiedet. Die Finanzierung war bereits seit 1983 durch die Europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen gesichert. Das Ziel dieser lautete, Sprachen als Anerkennung kulturellen Reichtums finanziell in allen Lebensbereichen zu fördern. 2002 aber hob der Europäische Gerichtshof die Haushaltslinie aufgrund fehlender Rechtsgrundlage auf. Seitdem existieren keine gesonderten Fördermittel für Regional- und Minderheitensprachen.

Geringe Wertschätzung und falsche Prioritäten

Die Beendung der finanziellen Unterstützung stellt aber nur eine der Baustellen hinsichtlich der Förderung bedrohter Sprachen dar. In den Jahren nach 2002 wurden zwar neue Möglichkeiten zur Fördermittelbeantragung geschaffen, die Praxis zeigt jedoch, dass kleine Sprachgemeinschaften weiterhin ohne wirklich gleichberechtigten Zugang zu diesen stehen. Besonders deutlich wird dieser Konflikt außerdem in der Abstimmung über die Charta zu den Regional- und Minderheitensprachen selbst. Von den 30 abstimmungsberechtigten Mitgliedsstaaten unterschrieben lediglich 18 die Charta, während neun Mitgliedsstaaten die Unterzeichnung verweigerten und drei sie zwar unterschrieben, jedoch nicht ratifizieren ließen. So stellt die drastische Unterfinanzierung eine weitere Bedrohung dar, da ohne diese Projekte zum Spracherhalt nicht durchgeführt werden können. Auch wird kritisiert, dass der Aspekt des Sprachenlernens eher von "harten" Motiven, also von späterer potentieller Konkurrenzfähigkeit und Mobilität auf dem Arbeitsmarkt, geprägt sei und nicht von "weichen" Kriterien. Dabei sei gerade sprachliche Vielfalt von diesen "weichen" Kriterien geprägt. Da stellt sich unwillkürlich die Frage, ob Sprachen mit konkreten Vorteilen und Chancen, wie hier auf dem Arbeitsmarkt, brauchbarer und somit als wertvoller angesehen werden?

Schwindende Sprachen bedeuten schwindendes Wissen, Identität und Kultur

Wenn Sprachen aussterben, sterben mit ihnen komplexe Wissenssysteme. Das Aussterben stellt jedoch auch ein soziales Problem dar. Linguisten und Kulturwissenschaftler warnen, dass kulturelles Erbe, traditionelle Identität, Wissen und Kultur akut bedroht sind. Werden wir damit Zeuge einer immer weiter voranschreitender Vereinheitlichung? Außerdem entsteht damit ein Konflikt zwischen Sprachen und Menschen selbst. Wenn Sprachen aussterben, sei es durch unzureichende Finanzierung oder Stigmatisierung, so werden gleichzeitig andere Sprache als überlegen dargestellt. Folglich läuft man Gefahr gewisse Sprachgruppen unbewusst über andere zu stellen. Es kann nicht das Ziel sein, "Prestigesprachen" entstehen zu lassen.

Hoffnung im Internet

Damit Sprachen überleben müssen sie weiterhin erlernt und gesprochen werden. Wie aber erhöht man die Attraktivität der gefährdeten Sprachen? DOBES (Projekte bedrohter Sprachen) ist ein internationales Projekt, dass es sich zum Ziel gemacht hat, Sprachen online zu dokumentieren, um sie vor dem Aussterben zu schützen. Derweil sind ca. die Hälfte aller 7000 existierenden Sprachen der Welt gefährdet. Aber auch Internetriesen wie Google beteiligen sich an der Rettung. Mit dem Google Endangered Language Project etwa sind 3000 Sprachen online dokumentiert. Interessierte können Informationen bezüglich Muttersprachlern, Verbreitungsgebiet oder der Dialektsituation erhalten, sich jedoch auch in designierten Gruppen austauschen und Sprachaufnahmen anhören.

Inspiriert durch die Musik

BBC Wales - Twitter, 29.05.2019

Geordan Burress aus Cleveland, Ohio spricht im Interview mit der BBC Wales warum und wie sie als Amerikanerin Walisisch gelernt hat. Walisisch gehört laut UNESCO zu den potentiell gefährdeten Sprachen. Burress sagt, dass vor allem walisische Musik sie inspiriert hat, die Sprache zu lernen. Außerdem schwärmt sie von den vielen Vorteilen, die sie seitdem besitzt. So sei sie früher ein eher schüchterner Mensch gewesen, und die Sprache habe ihr geholfen neue Freunde zu finden und an sich selbst zu glauben. Gelernt hat Burress Walisisch 2011 auf der Webseite "Say something in Welsh".  Heute fühle sie sich vor allem dankbar und sagt weiterhin, dass jede existierende Sprache es wert sei, gesprochen zu werden. Burress ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass Sprachen verbinden. Wir haben mit dem Internet die Möglichkeit Sprachen zu konservieren und zu verbreiten und dadurch Kultur, Wissen und Identität zu formen, schützen und zu zelebrieren. "Prestigesprachen" werden genauso wenig gebraucht wie Einheitssprachen und deshalb sollte und muss es das Ziel sein, Sprache zu schützen.