Der Trend ist eindeutig. Wie in unserem Blogpost "Wie polyglott ist Europa unschwer zu erkennen, sprechen immer mehr Menschen immer mehr Sprachen. Ein Blick auf die Zahlen verrät, dass im Schnitt 80 % aller 15-30 Jährigen Europäer mindestens eine Fremdsprache sprechen, während es in Großbritannien gerade einmal 32 % sind. Woran liegt das? Wir begeben uns auf Spurensuche.

Englische Muttersprache müssen beim Fremdsprachenerwerb so einige Hürden bewältigen.

Objekte mit Geschlechtern

Wohl eine der verwirrendsten Dinge, auf die Englischsprecher beim Sprachenlernen stoßen, ist die Tatsache, dass Gegenstände in vielen europäischen Sprachen Geschlechter haben. Im Gegensatz zu Portugiesen, Spaniern, Italienern oder auch Polen wachsen englische Muttersprachler aber mit nur einem Artikel, also ohne definierbares Geschlecht für Gegenstände, auf. Im Deutschen sind sie hingegen gleich mit drei verschiedenen auf einmal konfrontiert. Das kann schnell verwirrend sein. Was das ganze nicht leichter macht, ist der Fakt, dass die Distribution keiner bestimmter Logik folgt. So ist die Milch im Französischen und Italienischen männlich, während sie im Deutschen und Spanischen das Geschlecht wechselt und weiblich ist. Der einzige Trost für unsere englischen Freunde: Zumindest in einigen europäischen Sprachen lassen die Endungen von Wörtern das Geschlecht erahnen.

Was viele außerdem nicht wissen, ist, dass auch im Englischen einst grammatikalisches Geschlecht existierte, welches aber im Laufe der Zeit verloren ging. Resultierend haben weder Gegenstände noch Lebewesen im modernen Englischen ein zuweisbares Geschlecht.

Die essentielle Übereinstimmung

Nach dem Geschlechterdschungel folgt das nächste Puzzle. Die Aufgabe ist, Adjektive, Artikel, und Demonstrativpronomen aufeinander abzustimmen, die passenden Geschlechter zu finden, und auf Plural- und Singularformen zu achten. Stichwort: Kongruenz. Viele Englischsprecher kapitulieren spätestens hier, verständlicherweise. Was in europäischen Sprachen weit verbreitet ist, gibt es im Englischen nämlich nicht (mehr). Eine der wenigen, noch existierenden Beispiele für Kongruenz im Englischen ist:

Das Wort these als Demonstrativpronomen macht die notwendige Anpassung der Verben deutlich.

Einfach mal freundlich sein

Auf Menschen zuzugehen und sie anzusprechen ist gar nicht so einfach. Zumal es im Deutschen, Französischen oder auch Spanischen zwei Anreden gibt, über die ein Sprecher im Bruchteil einer Sekunde entscheiden muss. Sage ich “Du” oder “Sie”? Oder spreche ich die Person besser mit “Tu” oder “Usted” an? Englische Muttersprachler haben es da bequemer. Sie wuchsen damit auf, Personen mit “You” zu adressieren, ungeachtet dessen, wie ihre Beziehung zu dieser ist. Wenn ein Englischsprecher jedoch plötzlich vor der Aufgabe steht, die spanische Schwiegermutter anzusprechen, wird es schnell unangenehm. Manchmal wird die arme Frau dann auch nach Jahren noch mit “usted” adressiert.

In der Linguistik Pronominale Anredeform genannt, ist die Weise, in der man Personen in europäischen Sprachen anspricht, in der Praxis oft von Machtverhältnissen und  Beziehungen abhängig. Wenn ein Sprecher die falsche Form wählt, riskiert dieser grobe Unhöflichkeit. In den letzten Jahren setzt sich gerade in Westeuropa der Trend durch, das Pronomen immer symmetrischer zu nutzen. Wenn man selbst mit “Du” angesprochen wird, kann man die Form meist für die andere Person übernehmen. Immerhin eine Regel, an der sich englische Muttersprachler orientieren können. Ein weiterer Trend ist die immer größere Unpopularität der “Sie”-Form. Vielleicht ein Zeichen, dass es anderen Sprachen bald ähnlich ergehen und die zweite Form der Pronominalen Anredeform verloren gehen wird.

Es geht um Freundlichkeit und die Engländer überraschen uns ein erneutes Mal. Wer sich mit Shakespeare beschäftigt hat, weiß, dass es im Englischen, zumindest vor langer Zeit, zwei Pronominale Anredeformen gab: “thou” und “you”. Interessanterweise hat sich die formale Form “you” durchgesetzt. Was außerdem kaum jemand schon mal gehört hat, ist, dass die informelle Version “thou” in Teilen des Landes noch existiert, wie beispielsweise im Akzent der Menschen in Yorkshire.

Weiterhin stellte “thou” früher die Form des Singulars dar. Folglich verlor das Englische mit dem Wort “thou” auch den Unterschied, ob man mit einer oder mehreren Personen spricht. Sprachen jedoch sind flexibel und anpassungsfähig. Daher bildeten sich im Laufe der Zeit Formen wie “Y’all”, “You lot” oder auch “You guys”, die die grammatikalische Lücke schlossen. Den Ausdrücken können außerdem verschiedene Grade der Höflichkeit zugeordnet werden. Sprache findet eben doch Wege.

Den Kasus im Blick behalten

Während das Deutsche die Wahl zwischen der, die, das, dem, oder den bietet, kann das Englische allein “the” vorweisen. Deshalb stellt die Auswahl des richtigen Kasus eine weitere Hürde für englische Muttersprachler dar. Das Bestimmen des Artikels hängt nicht nur davon ab, ob das Wort im Plural oder Singular steht, sondern auch von der Funktion des Wortes innerhalb des Satzes. Ist das Wort ein Subjekt, ein direktes oder ein indirektes Objekt? Alles Dinge, auf die geachtet werden will. Auch hier hätten es Sprecher des Altenglischen einfacher gehabt und Deutsch für einfacher befunden, da Fälle früher einen ganz normalen Teil der englischen Sprache darstellten.

Englische Muttersprachler begegnen vielen grammatikalischen Unbekannten, wenn sie eine neue Sprache lernen.

Eine Sache der Stimmung

Das bringt uns zur finalen Herausforderung für den lernwilligen Englischsprecher: Die Flexion von Verben. Während es im Englischen die überschaubare Anzahl von vier verschiedenen Verbformen gibt (walk, walks, walking, walked), die in Kombination mit auxiliaren Hilfsverben für alle Zeitformen ausreichen, hat das Spanische im Vergleich 51 verschiedene. Im Gegensatz zum Großteil aller europäischen Sprachen ist das Englische keine flektierte Sprache.

Das heißt, dass sich im Englischen Verben meist nur hinsichtlich der Zeitform verändern. In den meisten europäischen Sprachen jedoch auch bezüglich Dauer, Art des Geschehnisses, der Person oder auch in Bezug auf das Subjekt. Die richtige Flexion zu finden ist also die unumstrittene Königsdisziplin. Auch die Nutzung des Konjunktivs stellt sich als wenig benutzerfreundlich heraus, da man auch diese Form im Englischen vergeblich sucht.

Altenglischsprecher hätten aller Wahrscheinlichkeit nach also eine deutlich einfachere Ausgangssituation gehabt, um polyglotte Sprecher zu werden, als ihre heutigen Landesgenossen. Die Sprache wies schlichtweg eine viel größere Bandbreite an Sprachmerkmalen auf, die im Laufe der Zeit verloren gingen. Gerade das Erlernen dieser stellt nämlich eine große Schwierigkeit für englische Muttersprachler dar. Der Gedanke, dass es mehr Faktoren für die sprachliche Misere geben muss, ist jedoch existent. Wer Sprache(n) lernen möchte, der findet immer einen Weg. Das beweisen auch die 2 % der britischen Bevölkerung, die mehr als drei Sprachen beherrschen.