Mindestens 3.000 der aktuell existierenden 7.000 Sprachen sind vom Aussterben bedroht. Alle 14 Tage stirbt eine weitere Sprache. Bei diesen handelt es sich generell um indigene Sprachen, die nur noch von sehr kleinen Bevölkerungsgruppen gesprochen werden. Diese Sprachen und ihre dazugehörigen Kulturen sind in den meisten Fällen nicht dokumentiert - mit jeder weiteren verlorenen Sprache verliert die Welt also immer auch ein Stück Geschichte und Kultur.

Machu Picchu, Mexico at daytime
Photo by Ayesha Parikh / Unsplash

Mit jeder Sprache stirbt ein Stück kulturelle Vielfalt

Nehmen wir "Cotisuelto", ein Wort aus dem karibischen Spanisch, welches einen Mann bezeichnet, der sich weigert, sein Hemd in die Hose zu stecken. Ein faszinierend spezifischer Begriff. Oder auch "Iktsuarpok", das Wort der Inuit für ein gewisses Gefühl der Ungeduld, welches einen dazu veranlasst, draußen nachzusehen ob der erwartete Besuch schon in Sichtweite ist. Direkte Äquivalente gibt es hierfür in keiner anderen Sprache. Und auch wenn es sich vielleicht nicht um Wörter handelt, welche für viele Menschen im täglichen Sprachgebrauch von großer Bedeutung wären, sagen sie doch viel über die dahinterstehende Kultur aus. Indigene Sprachen zeichnen sich tatsächlich oft dadurch aus, dass sie gewisse Begriffe, die in den heute weit verbreiteten Sprachen alltäglich sind, gar nicht kennen. Dazu zählen Wörter wie "Krieg", "Diebstahl", oder auch "Gott". Besonders im Fall der Ermangelung des Wortes "Gott" ist spannend, wie viele Begriffe es stattdessen oft für Geister und Ahnen gibt.

So verlieren wir mit Sprachen immer sehr viel mehr als nur Wörter, denn nicht alles lässt sich in jeder Sprache ausdrücken. Verständlich wird diese Problematik nicht nur bei der Betrachtung einzelner Begriffe, sondern auch wenn man bedenkt, dass verschiedene Kulturen auf unterschiedliche Art und Weise Geschichten miteinander teilen. So schrieb Leslie Marmon Silko, Teil der Laguna Pueblo Nation, einen spezifisch indigenen Roman: Almanac of the Dead. Wenn auch auf Englisch verfasst, folgt ihr Werk nicht der traditionellen "westlichen" Form, sondern basiert auf der indigenen Tradition des mündlichen Erzählens von Geschichten. So gleicht Silkos Roman einer (für viele Leser durchaus verwirrenden und anstrengenden) Sammlung an Träumen, Landkarten, Erinnerungen und Prophezeiungen - eine Struktur, welcher auch viele mittlerweile nicht mehr existierende Sprachen folgten.

Um weitere Verluste zu verhindern, gilt es vor allem
- aussterbende Sprachen zu dokumentieren
- Eltern dazu anzuregen ihre Sprachen an ihre Kinder weiterzugeben
- den Minderheiten, die besonders oft von Naturkatastrophen bedroht sind, mehr Schutz zu bieten
- indigene Sprachen offiziell anzuerkennen
So sind zum Beispiel seit 1993 Englisch und Walisisch die offiziellen Sprachen von Wales. Durch diesen Status des Walisischen müssen unter anderem auch sämtliche offiziellen Dokumente in beiden Sprachen erhältlich sein. Die walisische Regierung hat sich vorgenommen, bis 2050 1 Million Sprecher des Walisischen zu erreichen.

castle near body of water
Photo by Wendy Taylor-Loftus / Unsplash

Lieber spät als nie

In der Vergangenheit hat sich bereits gezeigt, dass es durchaus möglich ist, das Aussterben einer Sprache zu verhindern. So steigt tatsächlich die Zahl der Personen, die Walisisch sprechen. Bei Sprachen, die wirklich nur noch eine Handvoll Sprecher haben, wird sich der Verlust aber kaum noch aufhalten lassen - zumindest nicht ohne eine sehr zeitnahe Dokumentation. Wenn es aber für Eltern und Großeltern noch möglich ist, Sprachen an Kinder weiterzugeben, lassen sich viele Sprachen vergleichsweise einfach vorm Aussterben bewahren. Kommuniziert man nur genug mit ihnen, werden sie wortwörtlich kinderleicht eine neue Sprache erlernen, ohne sich Jahre später mit Schulbüchern hinter den Schreibtisch klemmen zu müssen.

Was können wir tun um zu helfen?

Auch wenn in Ihrer Familie keine aussterbenden Sprachen gesprochen werden, können Sie trotzdem dem Aussterben einer Sprache entgegenwirken: So bietet zum Beispiel die Sprachlern-App Duolingo nun auch Kurse in Diné (der Sprache der Navajo) und Hawaiianisch an. Nachdem die Kinder der Navajo im 19. Jahrhundert auf englischsprachige Internate geschickt wurden, und nachdem Hawaiianisch an hawaiianischen Schulen verboten wurde, ist es nun wohl einfacher als je zuvor, diese zwei Sprachen wieder zu erlernen.
Durch Verbote vieler Sprachen und dem daraus resultierenden Stigma kommt es immer wieder zu einer Art generationsübergreifendem Trauma: Eltern halten es für besser, ihren Kindern ihre Sprache nicht beizubringen, da sie weitere Unterdrückung befürchten. Es gibt nun mehrere Generationen sogenannter "Silent Speaker": Sie verstehen die indigenen Sprachen ihrer Familie, da sie sie ihr ganzes Leben (wenn auch nur in der Sicherheit der eigenen vier Wände) immer wieder gehört haben - selbst gesprochen haben sie diese Sprachen aber nie. Umso wichtiger ist es, dass indigene Sprachen offen anerkannt und gefördert werden.

woman walking in black concrete road in front of mountain
Photo by Wild & Away / Unsplash

Je nach Heimatland kann man indigene Gruppen auch persönlich unterstützen. In den USA, Kanada und Australien ist dies zum Beispiel durch politisches Engagement möglich. Aber auch Spenden (in diesem Fall natürlich aus aller Welt) können helfen. So lässt sich vor allem Sprachunterricht durch finanzielle Hilfsmittel leicht ermöglichen. The Language Conservancy listet auf ihrer Webseite einige Hilfsmöglichkeiten auf, aber auch kleinere Projekte lassen sich schnell im Internet finden. Hier können Sie zum Beispiel für nur 20 Dollar dafür sorgen, dass Kinder Miriwoong - eine australische Sprache mit nur 20 verbleibenden Sprechern - erlernen.
Eine weitere Art der Unterstützung ist der Kauf von Werken indigener Autoren. Für diesen Zweck hat die kanadische Huffington Post eine Liste zusammengestellt: These Books By Canadian Indigenous Women Will Broaden Your Perspectives. Wer Bücher gerne nach dem Lesen an andere weitergibt, kann diese auch an Schulen oder ähnliche Einrichtungen spenden, um die neu gewonnenen Perspektiven weiter zu verbreiten.

Offensichtlich wurde das Jahr 2019 aus gutem Grund zum International Year of Indigenous Languages erklärt. Teil des Planes der UNESCO ist zudem nicht nur die Förderung des Spracherhaltes, sondern auch der verstärkte Einbezug indigener Völker in offizielle Entscheidungen - ein Thema welches bisher extrem vernachlässigt wurde.